Wer Ostuni kennt, kennt die Weiße Stadt auf dem Hügel. Doch wer das Umland erkundet, entdeckt eine ganz andere Welt: die Contrade, jene verstreuten Weiler und Landgüter, die sich durch ein endloses Meer aus uralten Olivenbäumen ziehen. Manche dieser knorrigen Stämme sind Jahrhunderte alt, ihre Äste greifen weit in den Himmel, und zwischen ihnen liegt der rote Kalksteinboden Apuliens offen da – ein Anblick, der sich in der Abendsonne in tiefes Ocker verwandelt.
Die Contrade sind keine touristischen Konstrukte, sondern gewachsene Siedlungsformen: Einzelgehöfte, sogenannte Masserie, die über Generationen als Landwirtschaftsbetriebe dienten und heute teils als Agriturismo oder Boutique-Unterkunft geöffnet haben. Hier schläft man nicht in einem Hotel, sondern in einem ehemaligen Olivenölkeller oder einem restaurierten Trullo-Komplex, umgeben von Stille, die nachts so vollständig ist, dass man die Grillen einzeln hören kann.
Das Besondere dieser Gegend liegt in ihrer Langsamkeit. Morgens riecht es nach Erde und Rosmarin, mittags wirft die Sonne harte Schatten unter die Olivenkronen, und nachmittags fährt vielleicht ein Traktor den Feldweg entlang. Die Sehenswürdigkeiten der Contrade sind keine Gebäude, sondern Landschaften: der Blick zurück auf die weiße Silhouette Ostunis, ein verlassener Kalkofen am Wegesrand, ein Brunnen aus dem 18. Jahrhundert mitten im Olivenhain.
Gleichzeitig ist die Lage strategisch günstig: Die Altstadt von Ostuni ist von vielen Masserie aus in wenigen Fahrminuten erreichbar, die Adriaküste mit den Stränden bei Torre Canne oder Villanova liegt ebenfalls nah. Die Contrade funktionieren damit als ruhige Basis für Tagesausflüge, ohne selbst leer oder abgeschnitten zu wirken. Wer hier wohnt, wählt bewusst das Gegenteil von Betrieb – und bekommt dafür die unverfälschte Essenz des Valle d'Itria.

Santuario di Sant'Oronzo
Wallfahrtskirche wenige Kilometer außerhalb Ostunis, an eine Felswand über der Grotte des Stadtpatrons geschmiegt und Ziel der historischen Cavalcata di Sant'Oronzo Ende August.
Wallfahrtskirche an einer Felswand über der Grotte des Stadtpatrons