Wer Parma wirklich verstehen will, muss den Torrente überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses liegt Oltretorrente, das Viertel, das die Stadt über Jahrhunderte geprägt hat wie kein zweites. Hier lebten die Handwerker, die Färber, die Gerber – und noch heute trägt das Quartier diese Geschichte in seinen Fassaden, engen Gassen und dem unverkennbaren Rhythmus des Alltags.
Das Herzstück des Viertels ist die Piazzale Corridoni, ein weitläufiger Platz, der weniger Postkartenmotiv als echter Treffpunkt ist. Morgens sitzen hier ältere Herren beim Espresso, nachmittags spielen Kinder zwischen den Bänken. Wenige Schritte entfernt erhebt sich die Kirche Santa Croce, deren schlichte Fassade nicht ahnen lässt, was sich dahinter verbirgt: ein Innenraum von stiller Würde, der Jahrhunderte kunsthandwerklicher Tradition atmet. Auch die Kirche San Benedetto lohnt einen Abstecher – ihr Kreuzgang gehört zu den ruhigsten Orten der ganzen Stadt.
Die Via Imbriani und die Via Cavour sind die Hauptadern des Viertels. Hier reihen sich kleine Botteghe an Trattorie, Weinbars an Lebensmittelhändler, die noch echten Parmigiano Reggiano am Stück verkaufen. Oltretorrente ist kein Viertel, das sich inszeniert – es ist einfach da, mit all seiner Patina und seiner Energie. Die Graffiti an den Mauern erzählen von einer politisch wachen Nachbarschaft, die seit den Zeiten der Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts ihren eigenen Kopf hat.
Abends verwandeln sich die Bars und Osterie in lebhafte Treffpunkte, bei denen Studenten der Università di Parma auf Alteingesessene treffen. Wer hier einen Abend verbringt, erlebt das soziale Gewebe der Stadt – nicht als Kulisse, sondern als gelebte Realität. Für Reisende, die mehr suchen als die glatte Oberfläche des Parma-Tourismus, ist Oltretorrente eine Entdeckung, die lange nachwirkt.

Parco Ducale
Der 1561 für Herzog Ottavio Farnese angelegte und später französisch überformte Renaissancegarten ist Parmas eleganteste Grünfläche – mit Platanenalleen, Teich und Marmorstatuen.
1561 für Herzog Ottavio Farnese angelegter Renaissancegarten