Wer morgens früh durch die Via Mazzini schlendert, bevor die Touristenströme eintreffen, begreift sofort, warum Verona zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Die Città Antica ist kein museales Freilichtgelände, sondern eine lebendige Stadt, in der Römer, Mittelalter und Renaissance aufeinandertreffen – und zwar auf engstem Raum. Die Arena di Verona, jenes mächtige Amphitheater aus dem ersten Jahrhundert, dominiert die Piazza Brà mit einer Selbstverständlichkeit, die erst beim zweiten Blick wirklich trifft: Hier saßen einst 30.000 Zuschauer, heute sitzen sie bei den weltberühmten Opernfestspielen unter dem Sternenhimmel.
Von der Piazza Brà führt die Via Mazzini – eine der elegantesten Einkaufsstraßen Norditaliens – direkt zur Piazza delle Erbe, dem alten Marktplatz Veronas. Mittelalterliche Palazzi rahmen den Platz ein, in der Mitte plätschert der Brunnen der Madonna Verona aus dem 14. Jahrhundert. Wer den Blick hebt, sieht den Torre dei Lamberti, dessen Spitze sich 84 Meter über die Dächer erhebt und einen der besten Ausblicke über die Altstadt bietet. Gleich nebenan öffnet sich die Piazza dei Signori, ruhiger und aristokratischer, mit dem Palazzo della Ragione und der Loggia del Consiglio – ein Ort, an dem man die Schichten der Stadtgeschichte fast körperlich spürt.
Das Castel San Pietro thront auf dem Hügel oberhalb des Flusses, und wer die Treppenstufen hinaufsteigt, wird mit einem Panorama belohnt, das die geschwungene Schleife der Etsch, die Backsteinbögen der Ponte Pietra und die Silhouette der Stadtdächer in einem einzigen Blick vereint. Unten am Fluss liegt das römische Theater – Teatro Romano –, das im Sommer ebenfalls als Spielstätte dient und eine bemerkenswert intime Atmosphäre bietet.
Die Gassen zwischen Piazza delle Erbe und San Zeno – dem romanischen Meisterwerk am westlichen Rand der Altstadt – sind das eigentliche Wohnzimmer der Veronesi. Hier kaufen Einheimische beim Metzger in der Via Stella ein, trinken ihren Nachmittagskaffee in einer der kleinen Osterie und diskutieren über den lokalen Wein, den Valpolicella oder Amarone, der aus den Hügeln gleich hinter der Stadt stammt. Das Centro Storico ist kein Viertel für schnelle Besichtigungstouren – es ist ein Ort, der Zeit braucht und Zeit zurückgibt.

Torre dei Lamberti
Mit rund 84 Metern der höchste Turm Veronas an der Piazza delle Erbe, mit Aussichtsplattform und Rundblick über die Stadt.
Mit rund 84 Metern höchster Turm Veronas