Wer Bologna jenseits der touristischen Routen erleben möchte, findet in der Via del Pratello eine Straße, die wie kaum eine andere den Geist dieser Stadt verkörpert. Keine breite Prachtstraße, sondern ein schmales, leicht abgenutztes Band zwischen alten Backsteinportici, das sich vom Stadtzentrum in Richtung Westen zieht – und das gerade dadurch seinen Charakter gewinnt. Tagsüber wirkt die Gegend entspannt, fast schläfrig. Alte Männer sitzen vor kleinen Bars, Fahrräder lehnen an Wänden, und in den Schaufenstern kleiner Läden stapeln sich Vinylplatten, gebrauchte Bücher und handgemachte Waren.
Mit dem späten Nachmittag beginnt sich die Via del Pratello zu verwandeln. Die Studenten der Università di Bologna – einer der ältesten Universitäten der Welt – strömen aus den umliegenden Wohnungen und Mensen. Aperitivo-Zeit bedeutet hier: Spritz und Negroni für kleines Geld, dazu Häppchen auf der Theke, und Gespräche, die sich bis weit in die Nacht ziehen. Die Bars entlang der Straße, von einfachen Eckkneipen bis zu alternativen Kulturlokalen, bilden eine Art Freiluft-Wohnzimmer für die junge Stadtgesellschaft Bolognas.
Das Pratello-Viertel grenzt an den Quartiere Porto-Saragozza und liegt wenige Gehminuten von der Piazza Maggiore entfernt, ohne deren touristischen Glanz zu teilen. Hier wohnen Studenten neben alteingesessenen Familien, Künstler neben Handwerkern. Streetart-Murals an Hausfassaden wechseln sich ab mit kleinen Werkstätten und unaufgeregten Trattorien, in denen die Tageskarte auf einer Kreidetafel steht. Die Küche ist unverkennbar bolognese: Ragù, Mortadella, frische Pasta – nicht als Touristenattraktion, sondern als Alltag.
Für Reisende, die das echte Bologna suchen – abseits von Reisegruppen und Souvenirläden – ist das Pratello-Viertel ein Ort, der sich langsam erschließt. Am besten zu Fuß, am besten abends, am besten ohne festen Plan.

All'Osteria Bottega
Hinter einer unscheinbaren Tür am Rand des Pratello-Viertels kochen Daniele Minarelli und sein Team das kompromissloseste traditionelle Menü der Stadt.