Wer zum ersten Mal durch das Stadttor der Porta Praetoria tritt, bleibt unweigerlich stehen. Nicht wegen der Größe – das zweiteilige römische Stadttor aus dem 1. Jahrhundert vor Christus ist überschaubar – sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der es im Alltag der Stadt steht. Nebenan parken Vespas, ein Bäcker stapelt Brot ins Regal, und in der Ferne ragen die Gipfel des Mont Blanc und des Gran Paradiso in den Himmel. Aosta ist eine Stadt, in der zweitausend Jahre Geschichte nicht im Museum eingesperrt sind, sondern auf dem Gehweg liegen.
Das römische Erbe ist allgegenwärtig: Der Arco di Augusto, errichtet 25 vor Christus zu Ehren des Kaisers Augustus, markiert den östlichen Eingang der antiken Stadt Augusta Praetoria. Das Römische Theater, dessen Bühnenwand noch heute fast vollständig erhalten ist, gibt bei Sommerkonzerten eine Kulisse ab, die kein Bühnenbildner besser entwerfen könnte. Wer tiefer in die Antike eintauchen möchte, besucht das Museo Archeologico Regionale, das die Schichten der Stadtgeschichte von der Vor- bis zur Römerzeit auseinanderlegt.
Doch Aosta ist keine Freilichtmuseum-Stadt. Das Zentrum rund um die Via Porta Praetoria und die Piazza Chanoux lebt: Abends füllen sich die Bars und Restaurants mit Einheimischen, die Fontina-Käse und Tegole-Kekse diskutieren, als wäre es Fußball. Die Kathedrale Santa Maria Assunta mit ihren romanischen Ursprüngen und dem angeschlossenen Kreuzgang öffnet sich als ruhiger Gegenpol zum Treiben der Hauptstraße.
Das Aostatal selbst ist das eigentliche Versprechen dieser Stadt: Innerhalb weniger Minuten Fahrt beginnen die Serpentinen in Richtung Cervinia, Courmayeur oder die Schlucht des Gran Paradiso. Aosta ist dabei nicht nur Ausgangspunkt, sondern Ziel – eine Stadt, die man unterschätzt, wenn man sie nur als Durchgangsstation behandelt. Wer einen Nachmittag lang durch die Altstadt schlendert, die Ruinen des Foro Romano betrachtet und dann bei einem Glas Torrette-Rotwein die Berge glühen sieht, versteht, warum viele Besucher länger bleiben als geplant.

Collegiata di Sant'Orso
Kollegiatskirche mit ottonischer Krypta und einem der schönsten romanischen Kreuzgänge der Alpen.






