Wer L'Aquila zum ersten Mal betritt, spürt sofort, dass diese Stadt mehr trägt als andere. Auf knapp 700 Metern Höhe, eingebettet zwischen den Gipfeln des Gran-Sasso-Massivs und dem Velino-Sirente-Gebirge, liegt die Hauptstadt der Abruzzen wie ein steinernes Amphitheater in der Landschaft – und erzählt zwei Geschichten gleichzeitig: die einer stolzen mittelalterlichen Residenzstadt und die einer Gemeinschaft, die sich nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. April 2009 Stück für Stück neu erfindet.
Das historische Zentrum rund um die Piazza del Duomo ist wieder lebendig. Auf dem Platz vor der Kathedrale Santa Maria di Collemaggio – einem der eindrucksvollsten romanisch-gotischen Sakralbauten Italiens mit ihrer charakteristischen Rosetten-Fassade aus weißem und rosa Stein – sitzen nachmittags Studenten der Università degli Studi dell'Aquila auf den Stufen, während ältere Herren in den Bars an der Piazza Palazzo ihren Espresso trinken. Die Fontana delle 99 Cannelle, der Brunnen der 99 Masken aus dem 13. Jahrhundert, ist das eigentliche Symbol der Stadt: Laut Gründungslegende entstand L'Aquila aus dem Zusammenschluss von 99 Dörfern, jedes mit einer eigenen Maske im Brunnen verewigt.
Der Corso Federico II, die Hauptachse der Altstadt, zeigt, wie Wiederaufbau und Geschichte ineinandergreifen können. Gerüste und restaurierte Fassaden wechseln sich ab; manche Piazze wirken noch wie Baustellen, andere strahlen bereits wieder in vollem Glanz. Genau diese Spannung macht L'Aquila zu einem ungewöhnlichen Reiseziel: Es ist kein museales Bilderbuchstädtchen, sondern ein lebendiger Organismus im Wandel. Wer die Castello Cinquecentesco besucht, das imposante aragonesische Kastell aus dem 16. Jahrhundert, das heute das Museo Nazionale d'Abruzzo beherbergt, begreift die historische Tiefe der Stadt – von vorgeschichtlichen Funden bis zu Meisterwerken der abruzzesischen Malerei.
Außerhalb der Stadtmauern beginnt eine der wildesten Berglandschaften Italiens. Der Gran Sasso d'Italia, mit dem Corno Grande auf 2912 Metern der höchste Gipfel des Apennins, ist von L'Aquila aus in weniger als einer Stunde erreichbar. Im Winter lockt das Skigebiet Campo Imperatore, im Sommer wandern Trekker auf gut markierten Pfaden durch Hochebenen, die an Schottland erinnern. Diese unmittelbare Nähe zur Natur prägt das Lebensgefühl der Stadt: L'Aquila ist kein Küstenziel, sondern ein Ort für alle, die Tiefe suchen – in der Geschichte, in der Landschaft und in der Küche der Abruzzen.

Basilica di Santa Maria di Collemaggio
L'Aquilas spirituelles Wahrzeichen – rosa-weiße Basilika und Ursprung des ältesten Ablassfests der Welt.






