Wer durch das Centro Storico von L'Aquila läuft, spürt sofort, dass diese Stadt eine außergewöhnliche Geschichte trägt. Das Erdbeben von 2009 hat tiefe Narben hinterlassen, doch der Wiederaufbau hat dem Viertel eine eigentümliche Energie gegeben: Überall begegnet man Baugerüsten neben frisch restaurierten Fassaden, Handwerkern neben Studierenden, alten Cafés neben neuen Ateliers. Das Centro Storico ist kein museales Freilichtmuseum, sondern ein lebendiger Ort im Wandel.
Der Piazza del Duomo bildet das räumliche und emotionale Zentrum des Viertels. Hier treffen sich Einheimische zum Abendspaziergang, während die Kathedrale San Massimo mit ihrer wiederhergestellten Fassade still über das Treiben wacht. Nur wenige Gehminuten entfernt erhebt sich die Basilica di Santa Maria di Collemaggio – ein romanisches Meisterwerk aus dem 13. Jahrhundert, dessen charakteristisches Rosenmuster aus weißem und rosa Stein selbst nach dem Beben seinen Zauber nicht verloren hat. Das Bauwerk gehört zu den eindrucksvollsten Kirchen der Abruzzen und ist untrennbar mit der Geschichte des Heiligen Petrus vom Morrone verbunden, der hier 1294 zum Papst Coelestin V. gekrönt wurde.
Die Via Fortebraccio und die Via Garibaldi sind die Hauptachsen des Viertels, gesäumt von Palazzi aus dem 15. und 16. Jahrhundert, deren Erdgeschosse heute Buchhandlungen, Weinbars und kleine Trattorien beherbergen. Wer abbiegt in die schmaleren Gassen rund um die Kirche San Bernardino, entdeckt Ecken, die noch ganz im Zeichen des Wiederaufbaus stehen – und gerade deshalb authentisch wirken wie kaum ein anderes Stadtzentrum Italiens.
Das Castello Cinquecentesco, die mächtige Festung am nördlichen Rand des Centro Storico, beherbergt heute das Museo Nazionale d'Abruzzo und bietet von seinen Wällen aus einen weiten Blick über die Dächer der Stadt und die schneebedeckten Gipfel des Gran Sasso. Dieser Ausblick allein rechtfertigt den Besuch – er erklärt, warum L'Aquila trotz allem eine Stadt ist, die ihre Bewohner nicht loslässt.

Basilica di San Bernardino
Renaissance-Basilika mit Fanzago-Decke und dem Grabmal des heiligen Bernhardin von Siena.