Wer das Centro Storico von Treviso zum ersten Mal betritt, begreift schnell, warum diese Stadt so oft im Schatten Venedigs stand – und wie sehr sie davon profitiert hat. Keine Touristenmassen, keine überteuerten Kaffeebars an der Hauptpiazza, dafür echtes venezianisches Erbe, das tatsächlich noch bewohnt wird. Die mittelalterliche Stadtmauer umschließt ein Geflecht aus engen Gassen, über die Laubengänge aus dem 13. Jahrhundert führen, und immer wieder öffnet sich der Blick auf einen der kleinen Kanäle, die das Viertel durchziehen – Kanäle, die einst die Handelswege der Stadt bildeten und heute von Weiden und alten Backsteinmauern gesäumt werden.
Das Zentrum des Viertels bildet die Piazza dei Signori mit dem markanten Palazzo dei Trecento, einem gotischen Rathaus aus dem 13. Jahrhundert, dessen Arkaden noch heute Marktgeschäfte und Cafés beherbergen. Wenige Schritte entfernt erhebt sich der Dom, die Cattedrale di San Pietro Apostolo, mit einer Kapelle, in der ein Fresko von Tizian hängt – nicht angekündigt, nicht inszeniert, einfach da. Solche Momente sind typisch für das Centro Storico: Kunstschätze ohne Warteschlangen, Geschichte ohne Aufwand.
Der Mercato di Treviso, untergebracht in der alten Pescheria direkt auf einer Insel im Cagnan-Kanal, ist jeden Morgen ein Erlebnis für sich. Fischhändler, Gemüsebauern aus dem Umland und Käseverkäufer reihen sich unter den Arkaden aneinander, während Einheimische ihren Tageseinkauf erledigen. Hier kaufen Köche der umliegenden Restaurants ein – ein guter Hinweis darauf, was abends auf den Tisch kommt.
Das Viertel spricht gleichermaßen Reisende an, die Architektur und Kunstgeschichte suchen, wie solche, die einfach durch eine lebendige norditalienische Stadt schlendern möchten. Die Via Calmaggiore, die Haupteinkaufsstraße des Centro Storico, verbindet Dom und Piazza dei Signori und ist gesäumt von kleinen Boutiquen, Buchhandlungen und Bars, in denen der Aperitivo noch eine ernstgenommene Tageszeit ist. Wer abends durch das Viertel geht, erlebt, wie die Osterie sich füllen und die Trevisaner ihren Spritz trinken – Campari oder Aperol, diskutiert wird das hier noch.

Piazza dei Signori
Der zentrale Platz Trevisos seit dem Mittelalter, beherrscht vom backsteinernen Palazzo dei Trecento – Treffpunkt für Cafés, Arkaden und Aperitivo.
Palazzo dei Trecento aus dem 13. Jahrhundert