Wer durch das Centro Storico von Noto spaziert, begreift schnell, warum die UNESCO diese Stadt als Gesamtkunstwerk unter Schutz gestellt hat. Nach dem verheerenden Erdbeben von 1693 wurde Noto nicht einfach wiederaufgebaut – es wurde neu erfunden. Die Architekten des 18. Jahrhunderts schufen eine Stadt wie aus einem Guss: goldgelber Kalkstein, geschwungene Balkone, gestufte Treppenanlagen. Kein Haus bricht aus der Reihe, kein Winkel wirkt zufällig.
Das Rückgrat des Viertels ist der Corso Vittorio Emanuele, eine breite, autofrei wirkende Prachtstraße, die sich von West nach Ost durch die Altstadt zieht. Hier reihen sich die bedeutendsten Bauwerke aneinander: die mächtige Kathedrale San Nicolò mit ihrer imposanten Freitreppe, der Palazzo Ducezio, der als Rathaus dient, und die Kirche Santa Chiara mit ihrer markanten Kuppel. Früh morgens, wenn die Sonne noch flach über die Fassaden streicht und die Straße fast leer ist, leuchtet der Stein in einem warmen Honigton – ein Anblick, der sich einprägt.
Abseits des Corso entfaltet das Viertel einen intimeren Charakter. In der Via Cavour und den kleinen Gassen dahinter öffnen sich Innenhöfe, in denen Wäsche zwischen Oleanderbüschen trocknet. Kleine Bars servieren granita di mandorla – das sizilianische Frühstück schlechthin – und die Bäckereien duften nach frisch gebackenen Buccellati. Wer die Via Nicolaci hinaufgeht, stößt auf eine der schönsten Barockstraßen der Insel: Balkon für Balkon mit steinernen Fratzen, Engeln und Drachen verziert.
Das Centro Storico ist kein Museumsviertel, das nach Ladenschluss verstummt. Abends füllen sich die Stufen der Kathedrale mit Einheimischen, Trattorien stellen Tische auf die Gassen, und die Eisdielen – allen voran das legendäre Caffè Sicilia – ziehen Schlangen bis weit nach Mitternacht. Für Architekturbegeisterte, Kulturreisende und alle, die Sizilien jenseits von Strandurlaub erleben wollen, ist dieses Viertel der ideale Ausgangspunkt.

Cattedrale di San Nicolò
Die Kathedrale San Nicolò ist der Mittelpunkt des barocken Noto: über einer dreiläufigen Freitreppe erhebt sich ihre Fassade aus honigfarbenem Kalkstein, 2007 originalgetreu wiederaufgebaut.
Mittelpunkt des barocken Stadtbilds von Noto