Wer Campobasso zum ersten Mal besucht, erlebt eine Stadt, die sich selbst treu geblieben ist. Keine Souvenirläden an jeder Ecke, keine inszenierten Fotokulissen – stattdessen: echtes süditalienisches Leben. Morgens duftet es in der Via Mazzini nach frischem Cornetto, Rentner diskutieren auf der Piazza Vittorio Emanuele II über die Neuigkeiten des Tages, und irgendwo schlägt eine Kirchturmglocke die Stunde. Die Hauptstadt der kleinen Region Molise liegt auf einem Hügel auf rund 700 Metern Höhe und bietet damit nicht nur kühle Sommer, sondern auch Ausblicke, die man sich erarbeiten muss – und die man dann nicht vergisst.
Das historische Zentrum teilt sich in zwei klar unterschiedliche Ebenen. Die Unterstadt, die sogenannte Città Bassa, entfaltet sich rund um die barocke Kathedrale Santa Maria della Purificazione und die lebhafte Piazza Pepe. Hier pulsiert der Alltag: Marktstände, Bars, kleine Trattorie. Wer dann den Anstieg in die Altstadt wagt – die Città Alta –, betritt eine andere Zeitzone. Enge Gassen aus dem Mittelalter führen hinauf zur Burg Monforte, deren mächtige Türme die Silhouette der Stadt seit dem 15. Jahrhundert prägen. Von der Festung aus schweift der Blick über das Matese-Gebirge bis zu den Apenninen – an klaren Tagen bis weit ins Tal des Biferno.
Campobasso ist auch eine Stadt der Handwerkskunst. Seit Jahrhunderten ist sie für die Herstellung von Messern und Schwertern bekannt – eine Tradition, die sich in kleinen Werkstätten und im Museo Sannitico widerspiegelt, das die Geschichte der Samniten, der antiken Bewohner dieser Region, lebendig hält. Das Museum beherbergt bemerkenswerte Funde aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit und ist ein unterschätztes Highlight für Geschichtsinteressierte.
Im Mai verwandelt sich die Stadt beim Fest der Corpus Domini in eine lebende Bühne: Das Sagra dei Misteri, ein Prozessionsfest mit aufwendigen mechanischen Figurengruppen, zieht Besucher aus ganz Italien an und gehört zu den eindrucksvollsten Volksfesten des Südens. Wer Campobasso außerhalb dieser Zeit besucht, erlebt eine Stadt in ihrer unglamourösen, ehrlichen Schönheit – und genau das ist ihr größter Reiz.

Castello Monforte
Wahrzeichen Campobassos: die wiederaufgebaute Burg des 15. Jahrhunderts mit weitem Blick über den Apennin.





