Wer Campobasso wirklich verstehen will, beginnt seinen Rundgang im Borgo Antico – dem ältesten Teil der Stadt, der sich wie ein Steingedicht den Hügel hinaufzieht. Hier haben Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen: enge Gassen aus grauem Kalkstein, Treppengassen, die plötzlich auf kleine Plätze münden, und Fassaden, die von normannischer Herrschaft bis zur Bourbon-Epoche erzählen.
Das Viertel gruppiert sich rund um die Burg Monforte, die majestätisch über der gesamten Stadt thront. Schon von weitem ist ihre Silhouette zu erkennen, und je näher man kommt, desto dichter wird das Gewebe aus Kirchen, Palazzi und Wohnhäusern, die sich an den Hang schmiegen. Die Kirche San Bartolomeo und die Kirche San Giorgio gehören zu den ältesten sakralen Bauten der Stadt und stehen exemplarisch für die religiöse Tiefe dieses Quartiers. Wer die Stufen zur Kirche Santa Maria della Croce hinaufsteigt, wird mit einem Blick über die Dächer Campobasso belohnt, der sich in keine Postkarte pressen lässt.
Im Borgo Antico spielt sich das Leben ruhig und unaufgeregt ab. Morgens öffnen Bäcker ihre Läden, der Duft von frisch gebackenem Brot zieht durch die Gassen, ältere Bewohner treffen sich auf kleinen Plätzen zum Gespräch. Touristen sind hier keine Seltenheit, aber auch keine Masse – das Viertel hat seinen alltäglichen Rhythmus behalten, was es für alle, die echtes städtisches Leben in Süditalien suchen, besonders wertvoll macht.
Die Architektur erzählt von wechselnden Mächten: Normannen, Staufer, Anjou und Bourbonen haben alle ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen. Zwischen den mittelalterlichen Strukturen finden sich kleine Handwerksbetriebe, lokale Trattorien und Weinbars, in denen Molise-Weine ausgeschenkt werden, die außerhalb der Region kaum jemand kennt. Genau das macht den Borgo Antico so besonders: Er ist kein museales Freilichtgelände, sondern ein lebendiges Viertel mit echter Geschichte und echter Gegenwart.

Chiesa di San Bartolomeo
Romanische Kirche im Borgo Antico mit einem der schönsten Steinmetzportale Molises.