Wer Grado zum ersten Mal betritt, spürt sofort, dass diese Stadt auf einer Insel lebt – im doppelten Sinne. Geografisch ist Grado tatsächlich eine Insel in der gleichnamigen Lagune, verbunden mit dem Festland durch einen schmalen Damm. Doch auch atmosphärisch schwebt Grado irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen venezianischer Stille und adriatischem Sommerwind. Die Altstadt, das sogenannte Castello-Viertel, ist ein Labyrinth aus engen Gassen, die sich zwischen ockerfarbenen Häusern und alten Kirchen hindurchschlängeln. Wer früh morgens durch die Calli – so heißen die Gässchen hier – streift, bevor die Tagestouristen ankommen, erlebt eine Stadt, die noch ganz bei sich ist. Das Herzstück der Altstadt ist die frühchristliche Basilika di Santa Eufemia aus dem 6. Jahrhundert, deren Mosaikboden und schlichter Campanile zu den bedeutendsten spätantiken Zeugnissen der nördlichen Adria zählen. Unmittelbar daneben steht das Battistero, ein kleines Taufbaptisterium, das in seiner Konzentration auf das Wesentliche beeindruckt. Wer die Piazza della Vittoria überquert und in Richtung Hafen läuft, landet unweigerlich am Canal Grande di Grado – nicht zu verwechseln mit dem venezianischen Pendant, aber mit eigenem Charme: bunte Fischerboote, Möwengeschrei, der Geruch von Salz und Netz. Die Strände Grados erstrecken sich auf der dem Meer zugewandten Seite der Insel. Der Strand Grado Pineta im Westen und der Hauptstrand in der Mitte sind weitläufig, feinsandig und im Hochsommer gut besucht – aber nie so überfüllt wie die großen Badeorte Venetiens. Das Wasser der Adria ist hier seicht und warm, ideal für Familien. Wer Ruhe sucht, fährt mit einem der kleinen Boote in die Lagune hinaus, wo sich Salzwiesen, Reiherkolonien und verlassene Fischerinseln auftun. Grado hat sich als Kurort einen Namen gemacht: Die Thalassotherapie – Meerwassertherapie – hat hier eine lange Tradition, und das Centro Benessere della Laguna bietet entsprechende Behandlungen an. Gleichzeitig ist Grado kein reiner Wellness-Ort. Es gibt eine lebendige lokale Gastronomie, kleine Weinbars, in denen man den Friulaner Weißwein Pinot Grigio zum Glas trinkt, und Fischrestaurants, die ihren Fang noch am selben Morgen aus der Lagune geholt haben. Der Boreto alla Gradese, ein kräftiger Fischeintopf mit Essig und weißem Pfeffer, ist das kulinarische Erkennungszeichen der Stadt – rustikal, direkt und unverwechselbar.






