Wer Capri kennt, denkt zuerst an die Piazzetta, an Luxusboutiquen und den Trubel der Anlegestelle Marina Grande. Die Marina Piccola aber liegt auf der anderen Seite der Insel, zur Bucht von Salerno hin geöffnet, und erzählt eine andere Geschichte. Hier führt eine kurze Serpentinenstraße hinunter zum Wasser, vorbei an Pinien und Felsnasen, und plötzlich liegt das Meer in einem tiefen, klaren Blau vor einem – ohne Fährterminal, ohne Menschenmassen, ohne den Lärm der Motorboote, die Tagesausflügler von Neapel herüberbringen.
Die Bucht gliedert sich in zwei Abschnitte, die durch den kleinen Fels Scoglio delle Sirene getrennt werden – jenen Felsen, den die Antike als Wohnsitz der Sirenen kannte, die Odysseus in die Tiefe locken wollten. Links liegt der Badebereich, rechts die kleinen Bootsstege. Die Badestege und Liegeplätze gehören seit Generationen zu den wenigen Orten auf Capri, an denen man wirklich ins Wasser gehen kann, ohne einen Bootsausflug zu buchen. Wer früh kommt – am besten vor zehn Uhr morgens – erlebt die Marina Piccola in ihrer ruhigsten, schönsten Form: das Licht fällt noch schräg über die Faraglioni, die markanten Felsnadeln, die von hier aus in perfekter Linie im Meer stehen.
Die Gastronomie rund um die Marina Piccola ist überschaubar, aber ehrlich. Kleine Restaurants und Bars mit Terrassen direkt am Wasser servieren Fisch des Tages, Calamari und die klassische Pasta al pomodoro fresco. Das Angebot richtet sich an Schwimmer und Sonnenanbeter, nicht an Abendgesellschaften – die Lokale schließen früh, wenn die letzten Badegäste die Bucht verlassen haben. Das gibt dem Ort etwas Vergängliches, das ihn umso wertvoller macht.
Für Wanderer ist die Marina Piccola außerdem Ausgangspunkt oder Endpunkt des berühmten Pfades zu den Faraglioni. Der Weg entlang der Steilküste bietet Ausblicke, die kaum ein Foto einfangen kann – das Zusammenspiel aus Kalkfels, Macchia und dem Tyrrhenischen Meer. Hotels gibt es in unmittelbarer Nähe kaum; wer hier übernachten möchte, wählt meist Unterkünfte im nahen Anacapri oder in der Inselhauptstadt Capri, von wo aus die Marina Piccola zu Fuß oder per Bus in wenigen Minuten erreichbar ist.

Via Krupp
Berühmte Serpentinenstraße, die in engen Haarnadelkurven die Steilküste von Capri-Stadt zur Marina Piccola hinabführt.
Serpentinenweg in der fast senkrechten Felswand zur Marina Piccola