Grasse riecht nach einer ganzen Stadt: nach Rose und Jasmin, nach Veilchen und Orangenblüte, nach dem Mai, in dem die Felder über der Stadt aufblühen. Hinter Cannes klettern die ockerfarbenen Gassen den Hang des Hinterlands hinauf, und seit dem 16. Jahrhundert wird hier aus duftenden Blüten das gemacht, was die Welt als französisches Parfum kennt. Was als Ledergerberei begann, deren übel riechende Handschuhe man mit Duftölen veredelte, wuchs über die Jahrhunderte zur Hauptstadt einer ganzen Industrie heran. Drei große Namen prägen die Stadt bis heute: Fragonard, Galimard und Molinard öffnen ihre Manufakturen für Besucher, die dort sehen, wie aus Tonnen von Blüten winzige Mengen Essenz gewonnen werden, und die in Workshops sogar ihr eigenes Parfum komponieren können. Das Musée International de la Parfumerie erzählt rund 3.000 Jahre Duftgeschichte, von den Salbölen der Antike bis zu den Flakons der Gegenwart, und macht das unsichtbare Handwerk greifbar. Die umliegenden Felder, auf denen die berühmte Rose Centifolia und der Jasmin von Grasse angebaut werden, gehören zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Doch Grasse ist mehr als seine Duftindustrie. In der verwinkelten Altstadt mit ihren hohen, dicht stehenden Häusern hängen in der Cathédrale Notre-Dame-du-Puy drei frühe Gemälde von Peter Paul Rubens, und die Plätze und Brunnen erzählen von der langen Geschichte der Stadt. Anders als die polierten Küstenorte der Riviera wirkt Grasse als echte Arbeitsstadt – eine Stadt der Nasen, in der man das Handwerk noch sehen, riechen und lernen kann, am schönsten dann, wenn im Frühsommer die Ernte in den Feldern beginnt.



