Wer durch das Tor in den Rione San Pellegrino tritt, betritt keine Kulisse, sondern gelebte Geschichte. Das Viertel gilt als eines der am besten erhaltenen mittelalterlichen Quartiere Mittelitaliens – und das ist keine leere Behauptung. Entlang der Via San Pellegrino reihen sich Steinhäuser aus dem 12. und 13. Jahrhundert, verbunden durch die charakteristischen Profferli: jene außenliegenden Freitreppen aus Tuffstein, die einst den Bewohnern erlaubten, ihre Obergeschosse unabhängig vom Erdgeschoss zu nutzen. Heute rahmen sie Gassen ein, die im goldenen Nachmittagslicht eine Tiefe und Wärme entwickeln, die man in moderneren Stadtteilen vergeblich sucht. Das Viertel ist nicht musealisiert. Zwischen den Türmen der alten Adelsfamilien, von denen einige noch immer aufragen, hängt Wäsche auf Leinen, spielen Kinder auf Kopfsteinpflaster, und in kleinen Botteghe wird das Handwerk noch ernst genommen. Der Palazzo degli Alessandri, einer der markantesten mittelalterlichen Palazzi des Rione, steht stellvertretend für die Macht der alten Stadtfamilien, deren Rivalitäten einst die Architektur dieser Gassen prägten. Wer genau hinschaut, entdeckt an Fassaden Wappen, Inschriften und steinerne Details, die Jahrhunderte überdauert haben. Im Mai verwandelt sich San Pellegrino vollständig: Beim Medioevo in Festa, dem mittelalterlichen Fest des Viertels, füllen sich die Gassen mit Händlern in historischen Gewändern, Trommlern und Feuerspeiern. Die Bewohner selbst sind dabei keine Statisten, sondern Gastgeber – das Fest ist ihr Fest. Außerhalb dieser Zeit ist die Stimmung ruhiger, fast kontemplativer. Morgens, wenn der Dunst noch über den Tufffassaden liegt, gehören die Gassen fast ausschließlich den Einheimischen. Für Reisende, die über die üblichen Touristenpfade hinausschauen wollen, bietet San Pellegrino eine seltene Qualität: Authentizität ohne Inszenierung. Die Nähe zur Piazza del Plebiscito und zur Kathedrale San Lorenzo macht das Viertel auch als Ausgangspunkt für die gesamte Altstadt ideal.

Fontana Grande
Die Fontana Grande in Viterbo, begonnen im frühen 13. Jahrhundert, ist der größte der mittelalterlichen Brunnen der Stadt.
Größter der mittelalterlichen Brunnen Viterbos