Wer Sanremo nur vom Blumenkorso und den Kasinos kennt, hat die eigentliche Seele der Stadt noch nicht entdeckt. La Pigna – der Name leitet sich von der zapfenförmigen Silhouette ab, die das Viertel vom Meer aus bildet – thront auf einem Felshügel über der modernen Stadt und scheint die Jahrhunderte kaum wahrgenommen zu haben. Die Gassen sind so schmal, dass zwei Menschen mit ausgebreiteten Armen sich kaum aneinander vorbeibewegen könnten. Wäsche hängt zwischen den Fenstern, Katzen dösen auf sonnenwarmen Treppenstufen, und irgendwo hinter einer verwitterten Holztür riecht es nach Focaccia aus dem Steinofen.
Das Viertel entstand im Mittelalter als Schutzanlage: Die konzentrisch angelegten Gassen, die Torbögen und die engen Durchgänge – die sogenannten Caruggi – sollten Eindringlinge verwirren und aufhalten. Noch heute wirken sie wie ein natürliches Labyrinth. Wer sich hier ohne Plan treiben lässt, landet irgendwann unweigerlich vor der Kirche San Siro, der ältesten Kathedrale Sanremos, deren romanische Fassade aus dem 12. Jahrhundert zwischen den Häuserfronten auftaucht wie ein unvermutetes Ausrufezeichen. Nicht weit davon erhebt sich das Santuario della Madonna della Costa auf dem höchsten Punkt des Hügels – von dort öffnet sich ein Panorama über die Ligurien-Küste, das man so schnell nicht vergisst.
Die Bewohner von La Pigna sind überwiegend alteingesessene Sanremesen, daneben zunehmend Künstler und Handwerker, die die niedrigen Mieten und die Ruhe schätzen. Kleine Ateliers, Keramikwerkstätten und unscheinbare Trattorie verstecken sich hinter schweren Holztüren. Wer klopft – oder einfach hineingeht – wird selten enttäuscht. Die Gastronomie ist bescheiden und ehrlich: ligurische Küche ohne Zugeständnisse an den Massentourismus, mit Pesto alla Genovese, Trofie und frisch gebackenem Pane di Marassi.
Für Reisende, die das Sanremo der Schlagerfestivals und der mondänen Promenade hinter sich lassen wollen, ist La Pigna der wohl lohnendste Kontrapunkt. Hier gibt es keine Souvenirläden in Reih und Glied, keine Hotelriesen, keine Tourbusse. Stattdessen: authentische Architektur, stille Plätze wie die Piazza Castello und das leise Geräusch der eigenen Schritte auf altem Kopfsteinpflaster.

La Pigna
Die mittelalterliche Altstadt Sanremos, ein spiralförmiges Labyrinth aus überdachten Gassen, Treppen und Torbögen, gekrönt von der Wallfahrtskirche Madonna della Costa.
Spiralförmiges mittelalterliches Gassenlabyrinth