Wer von der Autostrada A2 abbiegt und die letzten Kilometer durch Olivenhaine auf Pizzo zufährt, ahnt noch nicht, was ihn erwartet: Dann öffnet sich plötzlich die Piazza della Repubblica, und der Blick fällt steil hinunter auf das tiefblaue Tyrrhenische Meer. Pizzo klebt förmlich an einer Felsenklippe im Süden Kalabriens, und genau dieses Bild – weiß getünchte Häuser, enge Gassen, das Rauschen der Wellen dreißig Meter tiefer – brennt sich ins Gedächtnis.
Das Städtchen lebt im Rhythmus seiner Piazza. Morgens duftet es nach frisch gebackenem Cornetto, nachmittags sitzen die Einheimischen auf den Stufen der Chiesa di San Giorgio und beobachten, wie Touristen ungläubig vor der Aussicht stehen. Das Castello Murat, ein aragonesischer Wachturm aus dem 15. Jahrhundert, thront am nördlichen Klippenrand und erinnert daran, dass Joachim Murat, König von Neapel, hier 1815 gefangen gehalten und erschossen wurde – Geschichte, die man in Kalabrien buchstäblich anfassen kann.
Unter der Stadtoberfläche verbirgt sich die Chiesa di Piedigrotta, eine in den Tuffstein gehauene Felsenkirche aus dem 17. Jahrhundert, die man über einen schmalen Pfad direkt am Strand erreicht. Innen wechseln sich naive Heiligenfiguren mit dramatischen Reliefs ab – ein Ort, der zwischen Volksfrömmigkeit und Kunsthandwerk changiert und selten in Reiseführern angemessen gewürdigt wird.
Pizzo wäre ohne seinen Tartufo di Pizzo unvollständig. Diese Eiskugel aus Schokoladeneis mit flüssigem Haselnusskernstück, außen von einer harten Schokoladenhülle umgeben, wurde hier erfunden und wird in den Gelaterie rund um die Piazza della Repubblica bis heute von Hand geformt. Ein Besuch der Gelateria Dante, einer der ältesten der Stadt, ist weniger Touristenpflicht als echtes Geschmackserlebnis.
Die Unterstadt mit dem kleinen Fischerhafen Porto di Pizzo verströmt eine ganz andere Energie: Hier liegen Holzboote vertäut, Fischer flicken Netze, und in den kleinen Trattorie am Wasser landet direkt, was morgens aus dem Meer geholt wurde. Wer Pizzo wirklich verstehen will, verbringt einen Abend hier unten, bestellt Pesce Spada alla Ghiotta – Schwertfisch in Tomaten-Kapern-Sauce – und schaut zu, wie die Sonne hinter dem Horizont versinkt.

Castello Murat
Aragonesische Festung über der Bucht, in der Joachim Murat 1815 hingerichtet wurde.





