Wer Matera nur von den Sassi aus betrachtet, sieht immer nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte liegt direkt gegenüber: die Murgia-Hochebene, die sich jenseits der Gravina-Schlucht erstreckt und das Stadtbild seit Jahrtausenden prägt. Hier, auf dem Kalksteinplateau des Parco della Murgia Materana, öffnet sich eine Welt, die sich kaum verändert zu haben scheint – zumindest nicht in den letzten paar Jahrtausenden.
Die Gravina di Matera ist das geologische Herzstück dieser Landschaft: eine bis zu 150 Meter tiefe Schlucht, die sich durch das Tuffgestein geschnitten hat und in deren Wände Jahrhunderte lang Menschen ihre Höhlen, Kirchen und Vorratskammern gemeißelt haben. Der Blick vom Belvedere di Murgia Timone auf die gegenüberliegenden Sassi ist einer der eindrucksvollsten Aussichtspunkte ganz Süditaliens – und das ohne Eintritt, nur mit etwas Gehbereitschaft. Früh morgens, wenn der Dunst noch in der Schlucht hängt und das erste Licht die Fassaden der Sassi in Orange taucht, versteht man sofort, warum Matera als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde.
Der Parco della Murgia Materana beherbergt über 150 rupestre Kirchen – in den Fels gehauene Gotteshäuser, von denen viele noch byzantinische Fresken tragen. Die Chiesa di Santa Maria de Idris, die Cripta del Peccato Originale und die Madonna delle Virtù sind die bekanntesten, doch wer die Wanderpfade des Parks erkundet, stößt immer wieder auf vergessene Nischen, Zisternen und Grotten, die keine Beschilderung kennen. Diese Stille ist kein Zufall: Das Plateau war lange Zeit kaum zugänglich, was es vor touristischer Überformung bewahrt hat.
Für Wanderer und Naturliebhaber ist die Murgia ein echtes Refugium. Markierte Trails führen entlang der Schluchtränder, vorbei an Dolmen, prähistorischen Gräbern und den typischen Muretti a secco – den Trockensteinmauern, die das Plateau in Parzellen gliedern. Im Frühjahr blühen wilde Orchideen zwischen dem Gestein, Falken kreisen über der Schlucht, und die Luft riecht nach Thymian und Schafwolle. Wer Matera nur von der Piazza Vittorio Veneto aus erlebt, verpasst diese andere, rauere Dimension der Stadt.

Belvedere Murgia Timone
Aussichtspunkt jenseits der Schlucht mit dem berühmtesten Gesamtblick auf die Sassi.