Wer durch das Quartiere Medievale von Orvieto streift, betritt eine Stadt, die die Jahrhunderte kaum verändert haben. Auf einem gewaltigen Tuffstein-Plateau thronend, hat dieser Stadtteil eine Struktur bewahrt, die im Mittelalter angelegt wurde: schmale Vicoli, die sich zwischen ockergelben Palazzi hindurchschlängeln, plötzlich auf kleine Piazze münden und dann wieder im Schatten alter Türme verschwinden. Der Lärm der modernen Welt bleibt merkwürdig fern, selbst wenn man nur wenige Schritte vom Corso Cavour abbiegt.
Das Viertel ist kein Freilichtmuseum, sondern gelebter Alltag. Morgens hängen Wäscheleinen zwischen den Fassaden, Handwerker öffnen ihre Botteghe, und aus einer Bäckerei in der Via Malabranca dringt der Geruch frisch gebackener Ciambelle. Der Dom von Orvieto – offiziell Cattedrale di Santa Maria Assunta – liegt zwar am Rand des Viertels, doch seine goldene Fassade, die im Nachmittagslicht förmlich zu glühen scheint, zieht den Blick aus fast jeder Gasse auf sich. Mindestens ebenso sehenswert ist die romanische Sant'Andrea mit ihrem zwölfseitigen Campanile auf der Piazza della Repubblica, dem historischen Zentrum des öffentlichen Lebens.
Unter den Füßen der Besucher liegt eine zweite Stadt: das Orvieto Underground, ein Labyrinth aus etruskischen und mittelalterlichen Tunneln, Zisternen und Taubenzuchtanlagen, das sich durch den Tuffstein zieht. Geführte Touren starten direkt aus dem Viertel und führen in Tiefen, die die Geschichte des Ortes greifbar machen wie kaum etwas anderes.
Für Architekturinteressierte lohnt sich ein Abstecher zum Palazzo del Popolo, einem gotischen Bau aus dem 13. Jahrhundert, sowie zu den zahlreichen kleinen Kirchen, die kaum beschildert, aber oft unversperrt sind. Das Quartiere Medievale richtet sich an Reisende, die langsam unterwegs sind, die Umwege schätzen und bereit sind, in einem Töpferladen zu verweilen oder auf einer Steinbank zu sitzen, bis das Abendlicht die Gassen in Kupfer taucht.

Pozzo della Cava
Der Pozzo della Cava in Orvieto ist ein etruskischer Brunnen im Zentrum eines unterirdischen Höhlenkomplexes mit neun Räumen.
Etruskischer Brunnenschacht, erst in den 1980er-Jahren wiederentdeckt