Wer Orvieto kennt, kennt den Tuffstein-Felsen, auf dem die mittelalterliche Stadt thront. Doch am Fuß dieses Felsens liegt ein Ort, der noch älter ist als jede romanische Kirche und jedes Stadttor: die etruskische Nekropole Crocifisso del Tufo, angelegt zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. und heute eines der besterhaltenen Gräberfelder Mittelitaliens.
Die Nekropole ist nach einem strengen, fast städtebaulichen Prinzip angelegt – Grabkammern in gleichmäßigen Reihen, die an Straßenzüge erinnern. Jede Kammer trägt über dem Eingang den Namen der dort bestatteten Familie, eingemeißelt in den weichen Tuffstein: Velthur, Laris, Arnth. Wer langsam durch diese Gassen der Toten schlendert, begreift, dass die Etrusker ihren Verstorbenen eine eigene Stadt bauten, die der Welt der Lebenden spiegelbild-artig entsprach. Das Licht am frühen Morgen, wenn es schräg über die Grabstelen fällt, macht diesen Ort zu etwas Unvergleichlichem.
Das Areal liegt unmittelbar an der Via Postumia, der alten Römerstraße, und ist zu Fuß vom historischen Zentrum Orvietosüber einen Serpentinenpfad erreichbar. Die Umgebung ist ruhig, von Weinbergen und Olivenhainen durchzogen – ein starker Kontrast zur touristischen Dichte auf dem Felsen oben. Wer hier steht und zum Duomo hinaufschaut, der auf dem Plateau leuchtet, versteht die Dimension dieser Stadt über Jahrtausende.
Crocifisso del Tufo ist kein Viertel im üblichen Sinne mit Cafés und Boutiquen. Es ist ein archäologischer Ort, der zum Innehalten zwingt. Für Reisende, die Orvieto über die Oberfläche hinaus verstehen wollen, ist ein Besuch hier unverzichtbar – und selten überfüllt, selbst in der Hochsaison.

Pozzo di San Patrizio
Der Pozzo di San Patrizio in Orvieto ist ein Renaissance-Brunnen mit zwei ineinander verschachtelten Wendeltreppen und 248 Stufen.
Doppelte, ineinander verschachtelte Wendeltreppe nach einem Entwurf von Antonio da Sangallo dem Jüngeren