Wer Ancona nur vom Hafen oder der Altstadt kennt, hat Passetto noch nicht erlebt. Das Viertel liegt im Nordwesten der Stadt, dort, wo die Apennin-Ausläufer steil ins Meer abbrechen und die Adria in einem tiefen Blau leuchtet, das man in dieser Intensität selten sieht. Die Klippen von Passetto sind das eigentliche Markenzeichen: zerklüftetes Kalkgestein, in das Generationen von Fischersfamilien ihre Capanne gebaut haben – kleine, in den Fels gehauene Lagerhütten, die heute als eine der ungewöhnlichsten Siedlungsformen der Adria-Küste gelten. Wer die schmalen Treppen hinuntersteigt, landet auf Felsplattformen direkt am Wasser, wo im Sommer Einheimische ihre Liegestühle aufstellen und der Abend mit einem Glas Verdicchio beginnt.
Oberhalb der Klippen erstreckt sich der Viale della Vittoria, eine breite Promenade mit altem Baumbestand und Blick auf das offene Meer. Hier spazieren Anconetaner zu jeder Tages- und Jahreszeit: morgens Rentner mit Hunden, mittags Familien, abends junge Paare. Die Atmosphäre ist ruhiger und großbürgerlicher als in der Hafengegend – Passetto war lange das bevorzugte Wohnviertel der städtischen Mittelschicht, und das spürt man noch heute in den Jugendstilbauten und gepflegten Grünanlagen.
Der Strand von Passetto selbst ist kein Sandstrand im klassischen Sinne, sondern eine Abfolge von Felsplattformen und kleinen Buchten, die man nur zu Fuß erreicht. Genau das schätzen Stammgäste: Keine Liegestuhldichte, kein Lautsprecherbeschall, dafür klares Wasser und eine Kulisse, die sich kaum verändert hat. Wer lieber schwimmt als badet, findet hier ideale Bedingungen. Restaurants und Bars konzentrieren sich auf den oberen Bereich des Viertels, mit Terrassen, von denen aus man bei gutem Wetter bis zur dalmatinischen Küste blicken kann – zumindest behaupten das die Einheimischen mit einem Lächeln.

Monumento ai Caduti
Klassizistischer Rundtempel aus hellem Istrienstein über den Felsbuchten des Passetto, den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet und Anconas Aussichtsbalkon.
Klassizistischer Rundtempel aus hellem Istrienstein