Wer Turin kennt, denkt zuerst an die Piazza San Carlo, die Mole Antonelliana oder die langen Portikusstraßen der Innenstadt. Doch wer das Viertel Borgo Po entdeckt, findet eine ganz andere Seite der piemontesischen Hauptstadt: ruhiger, grüner, von einer fast dörflichen Gelassenheit durchzogen – und dabei keine fünf Minuten vom Stadtzentrum entfernt.
Borgo Po liegt am östlichen Ufer des Po, eingebettet zwischen dem Fluss und den bewaldeten Hügeln, die sich zum Parco della Rimembranza und weiter zur Basilica di Superga hinaufziehen. Die Straßen hier sind schmaler als in den Rastervierteln westlich des Flusses, die Häuser älter und oft von üppigem Grün überwachsen. Entlang des Lungofiume – der Uferpromenade – flanieren morgens Jogger und Hundebesitzer, nachmittags sitzen Rentner auf Bänken und beobachten, wie das Licht auf dem Po wandert. Dieses Tempo ist es, das Borgo Po von anderen Stadtteilen unterscheidet.
Architektonisch prägen gründerzeitliche Villenhäuser und kleinere Palazzi das Bild. Viele davon sind heute in Wohnhäuser aufgeteilt, behalten aber ihre Stuckverzierungen und schmiedeeisernen Balkone. Die Brücke Ponte Vittorio Emanuele I verbindet das Viertel mit der Piazza Vittorio Veneto auf der anderen Flussseite – einem der größten Plätze Europas – und macht deutlich, wie nah Borgo Po an der Stadtmitte liegt, ohne wirklich Teil ihres Lärms zu sein.
Das Viertel spricht vor allem jene an, die Turin nicht nur als Durchgangsstation erleben wollen. Architekturfans schätzen die Villenhäuser und die Nähe zur Gran Madre di Dio, jener neoklassizistischen Kirche, die direkt am Fluss thront und das Stadtpanorama dominiert. Naturliebhaber schätzen die unmittelbare Anbindung an die Hügel und den Parco del Valentino flussaufwärts. Und wer einfach gut essen und dann in Ruhe schlafen möchte, findet hier Restaurants und kleine Hotels, die auf Stammgäste ausgerichtet sind, nicht auf Touristenströme.
Borgo Po ist kein Viertel für Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinne. Es ist ein Viertel zum Spazierengehen, zum Einatmen, zum Verstehen, wie Turin wirklich lebt – jenseits der Museen und Schokoladenläden.

Gran Madre di Dio
Klassizistische Kirche im Stil eines römischen Tempels am rechten Po-Ufer – fester Bestandteil des „magischen Turin" durch die Gral-Legende. Eintritt frei.
Klassizistische Kirche im Stil eines römischen Tempels