Wer den Aufzug vom Bahnhof Orvieto Scalo nimmt oder die Seilbahn hinaufgleitet, landet direkt im Centro Storico – und der erste Blick auf die Fassade des Duomo di Orvieto lässt einen unweigerlich stehen bleiben. Nicht wegen eines einzelnen Details, sondern wegen der Gesamtheit: goldene Mosaike, gotische Spitzen und das warme Licht des Nachmittags, das den Travertin in Orange taucht. Dieser Anblick gehört zu den eindrücklichsten der gesamten Umbrien-Region.
Das Viertel selbst ist kein Museum, sondern ein bewohnter Ort. Auf dem Corso Cavour, der zentralen Flaniermeile, kaufen Einheimische ihr Brot beim Bäcker, während Besucher die Schaufenster der Keramikwerkstätten studieren. Orvieto ist seit Jahrhunderten für seine handgefertigte Keramik bekannt, und im Centro Storico findet man Ateliers, in denen Töpfer noch heute nach traditionellen Mustern arbeiten. Wer genauer hinschaut, entdeckt zwischen den Läden kleine Durchgänge, die in ruhige Innenhöfe führen – Tuffstein-Bögen, Weinranken, das leise Geräusch eines Brunnens.
Unterirdisch verbirgt das Viertel eine zweite Stadt: Die Orvieto Underground, ein Labyrinth aus etruskischen und mittelalterlichen Tunneln, Brunnen und Taubenschlägen, das sich direkt unter den Gehwegen des Corso erstreckt. Geführte Touren starten mehrmals täglich vom Piazza Duomo und führen in eine Welt, die Jahrhunderte eingefroren wirkt. Wer die Oberfläche kennt, versteht den Untergrund – und umgekehrt.
Architektonisch erzählt das Centro Storico mehrere Epochen gleichzeitig: etruskische Fundamente, mittelalterliche Palazzi wie der Palazzo del Popolo, der heute als Kongresszentrum dient, und Renaissance-Elemente in den Kirchen San Lorenzo de' Arari und Sant'Andrea. Der Pozzo di San Patrizio, ein doppelspiraler Brunnen aus dem 16. Jahrhundert, ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst – zwei Wendelrampen, die sich nie kreuzen, damit Esel mit Wasserfässern hinunter- und wieder hinaufsteigen konnten, ohne sich zu begegnen.
Für Reisende, die nicht nur Sehenswürdigkeiten abhaken wollen, ist das Centro Storico auch kulinarisch ein lohnender Aufenthalt. Die Weinbars entlang der Gassen servieren Orvieto Classico, einen trockenen Weißwein, der in den Weinbergen direkt unterhalb des Tuffsteinfelsens wächst. Dazu kommen Antipasti mit lokalen Trüffeln, Crostini und Bruschette – einfach, aber mit Zutaten aus der unmittelbaren Umgebung.

Dom von Orvieto
Der gotische Dom von Orvieto vereint eine reich verzierte Mosaikfassade mit Luca Signorellis Freskenzyklus zum Jüngsten Gericht.
Dreigliedrige Marmorfassade mit Goldmosaiken von Lorenzo Maitani