Giverny ist kein Ort, den man nur besucht – es ist ein Gemälde, durch das man spaziert. In dem kleinen Dorf an der Grenze zwischen Île-de-France und Normandie verbrachte Claude Monet die letzten 43 Jahre seines Lebens, von 1883 bis 1926, und der Garten, den er hier anlegte, wurde selbst zu seinem berühmtesten Motiv. Monet entdeckte den Ort vom Zugfenster aus, mietete zunächst das Haus mit den grünen Fensterläden und kaufte es später samt Grundstück.
Die Anlage teilt sich in zwei Welten. Direkt vor dem rosafarbenen Haus liegt der Clos Normand, ein dicht bepflanzter Blumengarten, in dem Monet die Beete nach Farbe und Blühzeit komponierte – im Frühling Tulpen und Iris, im Sommer ein Rausch aus Kapuzinerkressen, Rosen und Dahlien, überspannt von Rankbögen. Jenseits der alten Bahnlinie liegt der Wassergarten, den Monet anlegen ließ, indem er einen Arm des Flüsschens Epte ableitete: der Seerosenteich mit der grünen japanischen Brücke, Trauerweiden und Bambus. Dieser Teich, in dem sich Himmel und Pflanzen spiegeln, wurde zur Vorlage der „Nymphéas“, jener riesigen Seerosenbilder, die heute in der Pariser Orangerie einen ganzen Saal füllen.
Im Haus selbst sind die Räume mit ihren leuchtenden Wandfarben erhalten – das gelbe Esszimmer, die blaue Küche mit den Fliesen aus Rouen, Monets Sammlung japanischer Holzschnitte. Givernys Ruf zog im 19. Jahrhundert eine ganze Kolonie vor allem amerikanischer Maler an, die dem Meister folgten; daran erinnert das Musée des Impressionnismes am Ortsrand. Wer früh kommt, bevor die Busse aus Paris eintreffen, hat das Dorf fast für sich – und versteht, warum Monet schrieb, sein schönstes Werk sei sein Garten.