Bonifacio ist die Stadt, die sich am weitesten ins Meer hinausgewagt hat. An der Südspitze Korsikas thront die Oberstadt auf einem schmalen Kalkriegel, dessen weiße Wände senkrecht rund achtzig Meter in die Bouches de Bonifacio abfallen. Manche Häuser am Rand der Falaise scheinen über dem Abgrund zu schweben, von der Brandung über Jahrhunderte untergraben, und wer von See kommt, sieht zuerst diese unwahrscheinliche Silhouette aus Kalk und Mauerwerk gegen den Himmel.
Unter der genuesischen Zitadelle schneidet ein langer, fjordartiger Naturhafen ins Land, an dem heute die Yachten liegen, wo einst die Galeeren ankerten. Über steile Gassen, Treppen und Wehrgänge steigt man hinauf in die Haute Ville, eine Festungsstadt aus dem Mittelalter mit engen, schattigen Straßen, der Kirche Sainte-Marie-Majeure und ihrem Wasserspeicher und den Befestigungen rund um das Bastion de l'Étendard. Berühmt ist der Escalier du Roi d'Aragon, eine in den Fels gehauene Treppe, die der Legende nach in einer einzigen Nacht entstanden sein soll und steil zur Wasserlinie hinabführt.
Jenseits der Mauern beginnt sofort das Maquis, jener duftende Buschwald aus Zistrose, Myrte und Wacholder, der Korsika prägt. Vom Plateau über der Stadt wandert man zu den Klippen und zum Leuchtturm von Pertusato, von wo der Blick über die Meerenge reicht: Gegenüber, kaum zwölf Kilometer entfernt, leuchtet bereits Sardinien, und davor liegen die kargen Inseln Lavezzi und Cavallo in einem Wasser, das jede Schattierung von Türkis durchspielt. Bootstouren führen zu den Kalkgrotten, zur Felsnadel Grain de Sable und entlang der Steilküste. Bonifacio ist Stein, Meer und Licht in extremer Konzentration und gehört zu den eindrücklichsten Orten des Mittelmeers.