Wer die Getreidegasse zum ersten Mal betritt, braucht einen Moment, um sich zu orientieren – nicht wegen der Länge der Gasse, sondern wegen der Dichte an Eindrücken, die sich von beiden Seiten auf einen einprasseln. Über den Ladenportalen hängen schmiedeeiserne Zunftzeichen, die seit Jahrhunderten Bäcker, Apotheker und Kaufleute ankündigen. Heute tragen dieselben Zeichen die Logos internationaler Marken – und doch wirkt die Gasse nicht wie eine gewöhnliche Fußgängerzone, sondern wie eine lebendige Kulisse, in der Vergangenheit und Gegenwart auf engem Raum koexistieren.
Die Häuserzeilen stammen überwiegend aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Ihre charakteristischen schmalen Fassaden, die tiefen Durchgänge zu den Innenhöfen und die Erker, die sich über die Straße lehnen, erzählen vom Salzburger Bürgertum in seiner Blütezeit. Damals war die Getreidegasse tatsächlich eine Handelsachse für Getreide, das über die Salzach transportiert wurde – der Name ist keine Metapher, sondern Stadtgeschichte.
Das bekannteste Haus der Gasse trägt die Nummer 9: Mozarts Geburtshaus, wo Wolfgang Amadeus Mozart am 27. Januar 1756 zur Welt kam und bis zu seinem 17. Lebensjahr lebte. Die gelbe Fassade ist für viele Besucher der eigentliche Anlass, die Gasse überhaupt zu betreten. Doch wer nur auf dieses eine Ziel fixiert ist, verpasst das Eigentliche: die Qualität des Flanierens selbst, das Entdecken der Passagen und Höfe hinter den Hausdurchgängen, die sich wie kleine Welten hinter der Straßenfront verbergen.
Morgens, wenn die Händler ihre Auslagen herrichten und die ersten Sonnenstrahlen die Zunftzeichen aus Schmiedeeisen zum Glänzen bringen, gehört die Gasse noch fast ausschließlich Einheimischen. Das ändert sich rasch: Gegen Mittag füllt sich die Getreidegasse mit Besuchergruppen aus aller Welt, die Schulter an Schulter durch die nicht einmal zehn Meter breite Straße schieben. Wer Ruhe und einen freien Blick auf die Fassaden möchte, sollte früh kommen – oder auf den späten Nachmittag warten, wenn sich die Tagestouristen bereits auf den Rückweg machen.