Wer Korsika nur von der Küste kennt, hat Corte noch nicht gesehen. Tief im Gebirge, dort wo die Flüsse Restonica und Tavignano zusammenfließen, drängt sich die Altstadt aus grauem Granit an einen steilen Felssporn. Ganz oben sitzt die Zitadelle mit dem „Nid d'Aigle“, dem Adlernest – von hier reicht der Blick über die Dächer hinaus in ein Tal voller Felswände und Kastanienwälder. Corte ist mehr als eine Bergstadt, es ist der identitäre Mittelpunkt Korsikas. Im 18. Jahrhundert machte Pasquale Paoli den Ort zur Hauptstadt der kurzlebigen korsischen Republik und gründete hier eine Universität – ein Erbe, das bis heute spürbar ist. Mit der wiedergegründeten Università di Corsica ist Corte wieder Studentenstadt, und nirgends auf der Insel hört man das Korsische so selbstverständlich gesprochen wie in den Cafés der Cours Paoli. Das Museu di a Corsica in der Zitadelle erzählt von Hirtenkultur, Polyphonie und dem zähen Stolz der Insel. Wer dem trockenen Klima der Küste entkommen will, steigt von Corte aus ins Vallée de la Restonica auf: eine schmale Bergstraße führt zu Almwiesen und den Gletscherseen Lac de Melo und Lac de Capitello, türkis und kalt zwischen kahlen Gipfeln. Sanfter beginnt die Wanderung durch die Tavignano-Schlucht, die direkt am Stadtrand losgeht. Corte hat nichts vom mondänen Glanz von Calvi oder Porto-Vecchio. Stattdessen Granit, Bergluft, Brocciu-Käse und Charcuterie aus den umliegenden Dörfern – ein Korsika, das sich nicht inszeniert, sondern einfach ist.



