Marseille beginnt am Vieux-Port, wo seit über zweieinhalbtausend Jahren Boote festmachen und morgens noch immer Fischerinnen ihren Fang auf der Quaimauer ausbreiten. Von hier zieht sich die Stadt die Hügel hinauf, überragt von der goldenen Marienfigur auf Notre-Dame de la Garde, die Einheimische schlicht „la Bonne Mère" nennen und von der aus sich ganz Marseille, das Inselchen If und das offene Meer überblicken lassen. Wer das alte Marseille sucht, verliert sich im Viertel Le Panier: das älteste der Stadt, ein Gewirr enger Gassen zwischen ockerfarbenen und pastellblauen Fassaden, mit Wäscheleinen über den Köpfen, kleinen Ateliers und der ehemaligen Armenherberge La Vieille Charité. Nur wenige Schritte weiter, direkt am Wasser, steht das MuCEM, das Museum der Mittelmeerzivilisationen, dessen filigrane Betongitter-Hülle über einen Steg mit dem alten Fort Saint-Jean verbunden ist – ein Bild, das die zwei Gesichter der Stadt zusammenbringt. Marseille ist eine Hafen- und Einwandererstadt, und das schmeckt man. In den Restaurants rund um den Hafen kommt die echte Bouillabaisse auf den Tisch, der Fischeintopf mit Rouille und geröstetem Brot, der hier seinen Ursprung hat. Auf den Märkten mischen sich provenzalische Kräuter mit nordafrikanischen Gewürzen, und zum Apéro gehört der anisduftende Pastis fast schon zum Stadtbild. Vor den Toren wird Marseille zur Naturschönheit: Die Calanques, schmale Felsbuchten zwischen Marseille und Cassis, schneiden mit weißen Kalksteinwänden ins türkisfarbene Wasser – erreichbar zu Fuß, mit dem Boot oder beim Schwimmen. Wer mehr Stadt will, schlendert über die einstige Hafenwerft-Promenade Les Docks oder hinauf in die Künstlerviertel Cours Julien und Notre-Dame du Mont mit ihren Murals und Plattenläden. Marseille schmeichelt nicht, aber es packt einen – rau, südländisch, ehrlich.






