Wer zum ersten Mal durch das Fischertor in die Altstadt von Rust tritt, versteht sofort, warum diese kleine Stadt am Westufer des Neusiedler Sees eine eigene Kategorie bildet. Die verwitterten Fassaden der Bürgerhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die mächtigen Storchennester auf den Kaminen, der Geruch von frisch gekeltertem Wein aus den Kellergassen – das alles trifft einen auf einmal und lässt sich nicht so schnell wieder abschütteln. Rust ist mit knapp 2.000 Einwohnern die kleinste Freistadt Österreichs, ein Status, den die Stadt 1681 durch eine Zahlung von 60.000 Gulden und 500 Eimern Ruster Ausbruch – dem legendären Süßwein der Region – an Kaiser Leopold I. erkaufte. Diese Geschichte steckt buchstäblich in den Steinen: Die Stadtpfarrkirche zum Heiligen Petrus und Paulus mit ihren romanischen Ursprüngen, das Rathaus am Rathausplatz und die alten Patrizierhäuser entlang der Conradgasse erzählen von einem Wohlstand, den der Weinbau über Jahrhunderte hierher brachte. Doch Rust ist keine Freilichtmuseumstadt. An einem Sommermorgen sitzen die Einheimischen vor den Heurigen in der Rathausgasse, während Radfahrer vom Neusiedler-See-Radweg hereinrollen und Vogelbeobachter mit Ferngläsern Richtung Seeufer schlendern. Der Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel beginnt praktisch vor der Haustür: Schilfgürtel, flache Wasserflächen, Silberreiher und im Frühling Tausende von Zugvögeln, die hier rasten. Wer früh aufsteht und zum Badesteg am Ruster Freizeitgelände geht, erlebt eine Stimmung, die sich mit keiner anderen in Österreich vergleichen lässt – das Licht fällt flach über das Schilf, der See liegt spiegelglatt, und irgendwo krächzt ein Graureiher. Die Weinkultur ist in Rust nicht Dekoration, sondern Lebensweise. Die Ruster Lagen wie Satz, Greiner und Turner bringen Blaufränkisch, Welschriesling und den berühmten Ausbruch hervor. In den Heurigen – oft in alten Gewölbekellern untergebracht – schenken die Winzerfamilien ihre eigenen Weine aus, dazu gibt es Liptauer, Grammelschmalz und frisches Brot. Das ist kein touristisches Arrangement, sondern der ganz normale Feierabend dieser Stadt. Für Reisende, die mehr als einen Tagesausflug einplanen, lohnt sich Rust als Basislager für das gesamte nördliche Burgenland: Mörbisch am See mit seiner Seebühne, Eisenstadt mit dem Schloss Esterházy und dem Haydn-Geburtshaus sowie die ungarische Grenze sind alle in weniger als einer halben Stunde erreichbar. Rust selbst braucht keine Superlative – es genügt vollkommen, einmal beim Sonnenuntergang auf dem Fischerturm zu stehen und zuzuschauen, wie das Licht den Neusiedler See in Kupfer taucht.



