Wer zum ersten Mal durch Hermagor fährt, könnte meinen, es sei nur ein verschlafenes Städtchen am Rande des Gailtals. Doch der erste Eindruck täuscht. Die Bezirkshauptstadt des gleichnamigen Bezirks liegt eingebettet zwischen den Karnischen Alpen und den Gailtaler Alpen, umgeben von einer Landschaft, die je nach Jahreszeit ein völlig anderes Gesicht zeigt: im Winter weiß und still, im Sommer satt grün mit Almwiesen, die bis weit über die Baumgrenze reichen. Das Stadtbild selbst ist überschaubar und bodenständig. Die Pfarrkirche St. Hermagoras und Fortunatus ragt über die Dächer der Innenstadt und gibt dem Ort seinen historischen Anker. Rund um den Hauptplatz gruppieren sich Gasthäuser, kleine Geschäfte und Cafés, in denen die Einheimischen nach dem Einkauf noch rasch einen Kaffee trinken – ein Rhythmus, der sich durch den Alltag der Stadt zieht und Besuchern das Gefühl gibt, tatsächlich irgendwo angekommen zu sein, nicht nur durchzureisen. Der eigentliche Magnet der Region liegt jedoch wenige Kilometer außerhalb: Das Nassfeld, eines der schneesichersten Skigebiete Kärntens, zieht im Winter Skifahrer aus dem gesamten Alpenraum an. Im Sommer verwandeln sich dieselben Hänge in ein weitverzweigtes Wandergebiet mit Verbindungen zum Gartnerkofel und entlang des Karnischen Höhenwegs – ein Fernwanderweg, der Österreich und Italien auf dem Kamm der Karnischen Alpen verbindet und Wanderern Ausblicke bietet, die man so schnell nicht vergisst. Nicht weniger beeindruckend ist der Weißensee, der zu den saubersten Badeseen der Alpen zählt und dessen tiefes Türkisblau selbst an bewölkten Tagen leuchtet. Im Winter gilt er als einer der verlässlichsten Natureisstadien Europas – Eisläufer kommen von weit her, um hier ihre Runden zu drehen. Im Sommer lockt der See mit Kanufahren, Radwegen am Ufer und einer Stille, die in der Hochsaison anderswo längst verschwunden ist. Hermagor ist kein Ort für Überwältigung, sondern für Entschleunigung. Wer hier ankommt, merkt schnell, dass die Region ihre Reize nicht aufdrängt, sondern geduldig auf Entdeckung wartet – ob auf dem Rad entlang der Gail, beim Aufstieg zur Kronalpe oder beim Abendessen in einem Gasthof, wo die Speisekarte noch auf Kärtnerisch denkt.



