Wer Sankt Pölten zum ersten Mal besucht, ist oft überrascht: Diese Stadt gibt sich keine Mühe, größer oder glamouröser zu wirken, als sie ist — und genau das macht sie so angenehm. Die Altstadt rund um den Rathausplatz entfaltet sich langsam, fast beiläufig. Barocke Fassaden, die der Baumeister Jakob Prandtauer im frühen 18. Jahrhundert mitgeprägt hat, stehen Seite an Seite mit Gründerzeitgebäuden und vereinzelten Jugendstilornamenten. Wer morgens früh durch die Linzer Straße schlendert, wenn die Bäcker ihre Läden öffnen und die ersten Sonnenstrahlen die Stuckfassaden streifen, erlebt eine Stadt, die noch ganz bei sich ist. Das kulturelle Gewicht der Stadt liegt spürbar im Regierungsviertel, das seit den 1990er-Jahren am südlichen Stadtrand entstanden ist. Hier stehen das Festspielhaus Niederösterreich und der Klangturm, ein stählernes Wahrzeichen, das abends in wechselnden Farben leuchtet. Das Landesmuseum Niederösterreich zieht mit wechselnden Ausstellungen ein überregionales Publikum an, und der weitläufige Landhaushof bietet im Sommer die Kulisse für Open-Air-Veranstaltungen. Wer beide Stadtteile — die historische Innenstadt und das moderne Regierungsviertel — an einem Nachmittag zu Fuß verbindet, begreift schnell, wie bewusst Sankt Pölten an seiner eigenen Identität arbeitet. Die Traisen, der Fluss, der die Stadt durchzieht, ist weniger bekannt als die großen Stadtflüsse Österreichs, aber als Ort zum Durchatmen kaum zu übertreffen. Entlang des Traisenufers führen Radwege in die Umgebung, und an warmen Abenden versammeln sich hier Studierende der FH und Familien gleichermaßen. Sankt Pölten ist seit 1986 Landeshauptstadt — eine vergleichsweise junge Rolle, die die Stadt noch immer mit einer gewissen Aufbruchsstimmung erfüllt. Neue Gastronomieprojekte in der Kremser Gasse, das wachsende Kulturprogramm und eine aktive Szene junger Kreativer zeigen, dass hier mehr passiert, als die bescheidene Stadtgröße vermuten lässt. Für Reisende, die Wien bereits kennen und Niederösterreich jenseits der Bundeshauptstadt erkunden wollen, ist Sankt Pölten ein idealer Ausgangspunkt: Die Wachau, Stift Melk und Stift Klosterneuburg sind innerhalb einer Stunde erreichbar. Aber auch als eigenständiges Reiseziel lohnt sich ein Wochenende — besonders dann, wenn im Festspielhaus Saison ist oder der Rathausplatz für eines der Stadtfeste in Beschlag genommen wird.




