Wer durch das Tor der Porta San Pietro in den Centro Storico von Lucca tritt, betritt eine der am besten erhaltenen Altstädte Italiens – und spürt das sofort. Kein Hochhaus stört die Silhouette, kein Lärm des modernen Verkehrs übertönt das Klingeln der Fahrradklingeln. Die Via Fillungo, die elegante Haupteinkaufsstraße, führt an mittelalterlichen Tortürmen und Art-déco-Schaufenstern vorbei, als hätte jemand mehrere Jahrhunderte behutsam übereinandergelegt, ohne eines davon zu zerstören.
Das Viertel ist de facto die gesamte Altstadt Luccas, vollständig eingeschlossen von der Renaissance-Stadtmauer aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Diese Mauer, breit genug für einen Spaziergang oder eine Fahrradtour auf ihrer Krone, ist kein Museum – sie ist täglicher Lebensraum der Einwohner. Oben flanieren Familien, Jogger und Touristen nebeneinander, während unten die Piazza Anfiteatro ihren ganz eigenen Rhythmus hat. Der ovale Platz folgt exakt dem Grundriss eines römischen Amphitheaters und ist heute von Cafés und kleinen Restaurants gesäumt, deren Stühle sich an warmen Abenden bis zur Platzmitte ausbreiten.
Architektonisch ist der Centro Storico ein Kompendium toskanischer Baukunst. Der Dom San Martino mit seiner asymmetrischen Fassade aus weißem und grünem Marmor dominiert den gleichnamigen Platz, während die Kirche San Michele in Foro mit ihrer gestaffelten Loggienfassade die antike Forumslage des Stadtzentrums markiert. Wer genauer hinschaut, entdeckt zwischen den Gassen noch die mittelalterlichen Geschlechtertürme, die einst den Reichtum rivalisierender Adelsfamilien demonstrierten – heute sind viele davon in Wohnhäuser integriert.
Gastronomisch hält der Centro Storico, was seine Kulisse verspricht. Auf dem Markt an der Piazza del Carmine kaufen Einheimische Pecorino, Farro della Garfagnana und frische Pasta, während in den Trattorie rund um den Dom Gerichte wie Tordelli lucchesi – hausgemachte Nudeln mit Fleischfüllung und Ragù – auf den Tisch kommen. Wer sich treiben lässt, stößt auf kleine Enoteken, in denen der Montecarlo DOC aus der unmittelbaren Umgebung glasweise ausgeschenkt wird.
Für Reisende, die nicht nur Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern eine Stadt wirklich erleben wollen, ist eine Übernachtung im Centro Storico unverzichtbar. Abends, wenn die Tagestouristen durch die Tore abgereist sind, gehört das Viertel den Einwohnern und den Gästen, die geblieben sind – und genau dann entfaltet Lucca seinen eigentümlichen Charme.

Chiesa di San Michele in Foro
Romanische Kirche auf dem antiken Forum mit einer Marmorfassade aus vier Arkadengeschossen und der Statue des Erzengels Michael an der Spitze. Eintritt frei.
Erbaut auf dem antiken römischen Forum