Wer den Eingang der Eisriesenwelt das erste Mal sieht, begreift sofort, dass hier etwas Außergewöhnliches wartet. Hoch über dem Salzachtal, auf rund 1.641 Metern Seehöhe im Tennengebirge, öffnet sich ein Schlund im Fels, aus dem selbst im Hochsommer eiskalte Luft strömt. Die Eisriesenwelt bei Werfen ist mit über 42 Kilometern vermessenen Gängen das größte zugängliche Eishöhlensystem der Welt – und die geführte Tour führt in die ersten Kilometer dieses unterirdischen Labyrinths, die das Eis beherbergen. Der Weg zur Höhle ist bereits Teil des Erlebnisses. Von der Talstation bei Werfen bringt eine Seilbahn die Besucher auf den Berg, von wo aus ein rund 15-minütiger Fußweg entlang des Felsmassivs zum Höhleneingang führt. Dann beginnt der eigentliche Abstieg in eine andere Welt: Die Führung führt durch die sogenannte Eispalastgalerie, vorbei an der mächtigen Eiswand Hymir und hinauf zur Posselt-Halle, einer der größten Eiskammern der Anlage. Magnesiumfackeln, die die Guides mit sich tragen, tauchen die Formationen in ein warmes, flackerndes Licht – ein Kontrast, der die Eisstrukturen aus Jahrtausenden auf eine Weise zum Leben erweckt, die kein Foto wirklich einfangen kann. Die Führung dauert etwa 75 Minuten und legt im Inneren des Berges rund einen Kilometer zurück. Dabei überwindet man mehrere hundert Treppenstufen, die durch enge Passagen und weite Hallen führen. Die Temperatur in der Höhle liegt das ganze Jahr über nahe dem Gefrierpunkt – warme Kleidung ist keine Empfehlung, sondern eine Notwendigkeit. Wer im Sommer mit T-Shirt anreist, wird das spätestens nach den ersten Metern bereuen. Die Eisriesenwelt-Höhlenführung ist für alle geeignet, die gut zu Fuß sind und keine ausgeprägte Platzangst mitbringen. Kinder ab etwa sechs Jahren nehmen die Stufen und die Dunkelheit erfahrungsgemäß gut an – für sie ist das Flackern der Fackeln und das Knistern des Eises oft das unvergesslichste Kindheitserlebnis eines Österreich-Urlaubs. Ältere Besucher und Menschen mit eingeschränkter Mobilität sollten bedenken, dass die Treppenstufen steil und der Untergrund uneben ist.
Eine Führung durch die Eisriesenwelt ist ein Gang in eine Welt, die sich dem Alltag vollständig entzieht. Magnesiumfackeln werfen tanzende Schatten auf meterhohe Eiswände, der Atem kondensiert in der Kälte, und die Stille des Berges liegt schwer über allem. Wer die Posselt-Halle betritt, steht vor Eisformationen, die Jahrtausende gebraucht haben, um zu wachsen – ein Moment, der nachwirkt.
