Wer Graz wirklich verstehen will, sollte früh morgens auf dem Lendplatz stehen, wenn die Markthändler ihre Stände aufbauen und der Geruch von frischem Brot und Kaffee durch die Gassen zieht. Lend liegt westlich der Mur und war lange das Arbeiterviertel der Stadt – heute ist es das, was viele Städte vergeblich zu inszenieren versuchen: ein echtes, gewachsenes Quartier mit Charakter. Das Herzstück ist der Lendplatz selbst, einer der lebendigsten Marktplätze der Steiermark. Dienstags bis samstags verwandelt er sich in einen Treffpunkt für Grazer aller Generationen – Studierende kaufen Gemüse neben Großmüttern, Gastronomen holen ihre Zutaten für den Mittagstisch. Unmittelbar daneben liegt die Lendlstraße, die sich in den letzten Jahren zur gastronomischen Hauptader des Viertels entwickelt hat: türkische Bäckereien, vietnamesische Küchen und steirische Wirtshäuser stehen hier Seite an Seite, ohne dass irgendjemand dabei ein Konzept verfolgt hätte – es hat sich einfach so ergeben. Architektonisch ist Lend ein Kontrast-Viertel. Gründerzeitfassaden mit abblätterndem Putz treffen auf frisch renovierte Altbauten, in deren Erdgeschossen Ateliers, Vintage-Läden und kleine Galerien eingezogen sind. Das Kunsthaus Graz, das von der anderen Murseite herüberschaut, hat Lend in den frühen 2000er Jahren als Kreativstandort auf die Karte gesetzt – seitdem zieht das Viertel Künstler, Designer und all jene an, die urbanes Leben abseits polierter Fußgängerzonen suchen. Besonders abends zeigt Lend seine andere Seite: Die Bars und Clubs rund um den Lendplatz und in den umliegenden Nebenstraßen füllen sich, und wer ausgehen will, ohne in Touristenfallen zu tappen, ist hier richtig. Das Publikum ist jung, international und durchmischt – Graz' Universität und die Technische Universität sorgen dafür, dass das Viertel nie schläft. Wer in Lend übernachtet, ist in wenigen Gehminuten sowohl bei der Altstadt als auch mitten im echten Grazer Alltag.

Schloss Eggenberg
Schloss Eggenberg ist das bedeutendste Barockschloss der Steiermark und gehört seit 2010 zum UNESCO-Welterbe.
24 Prunkräume mit originaler Barockausstattung aus dem 17. Jahrhundert