Nazaré ist zwei Orte in einem, und genau das macht den Reiz dieses Städtchens an der portugiesischen Costa de Prata aus. Unten an der breiten, sandigen Bucht liegt die Praia, das alte Fischerviertel: hier ziehen sich niedrige Häuserzeilen entlang der Strandpromenade, der Geruch von gegrilltem Fisch hängt in den Gassen, und auf hölzernen Gestellen, den peixe seco, trocknet der Fang in der Atlantiksonne. Manche Frauen tragen bis heute die traditionellen sete saias, die sieben übereinander geschichteten Röcke, die einst die Fischerfrauen am Strand wärmten, während sie auf die Rückkehr der Boote warteten. Über der Bucht thront der Felsen von Sítio, hinauf führt der historische Ascensor da Nazaré, eine Standseilbahn, die seit dem späten 19. Jahrhundert in wenigen Minuten die rund hundert Höhenmeter überwindet. Oben öffnet sich ein anderer Charakter: weite Plätze, die Wallfahrtskirche Nossa Senhora da Nazaré mit ihren Azulejos, und vom Aussichtspunkt Suberco der schwindelerregende Blick zurück auf die Bucht und das Häusermeer in der Tiefe. Eine Legende rankt sich um diesen Ort – ein Ritter, der hier im Nebel beinahe über die Klippe stürzte und durch ein Wunder der Madonna gerettet wurde. Weltberühmt wurde Nazaré durch die Praia do Norte, den Nordstrand am Fuß des Vorgebirges. Ein gewaltiger unterseeischer Canyon, der Canhão da Nazaré, lenkt und bündelt die Energie atlantischer Stürme und lässt vor der Küste in den Wintermonaten Wellen von monströser Höhe entstehen. Seit der Hawaiianer Garrett McNamara hier 2011 in eine Rekordwelle einstieg, gilt Nazaré als die Welthauptstadt des Big-Wave-Surfens; vom alten Leuchtturm im Forte de São Miguel Arcanjo beobachten Schaulustige die Surfer als winzige Punkte in den Wassermassen. Wer im Sommer kommt, findet ein entspanntes Badeziel mit goldenem Sand und Familien unter bunten Sonnenzelten; wer im Winter kommt, erlebt das Naturschauspiel der Riesenwellen. Dazwischen bleibt Nazaré ein lebendiger Fischerort, in dem caldeirada und frisch gegrillte Sardinen auf den Tisch kommen und das alte und das neue Gesicht des Atlantiks dicht beieinander liegen.




