Der Neusiedler See ist ein Sonderfall in Mitteleuropa: ein Steppensee, der kaum tiefer als zwei Meter ist, dessen Ufer sich hinter meterhohem Schilf verbergen und dessen Weite an die ungarische Tiefebene erinnert. Wer diesen See nicht nur von einer Uferpromenade aus betrachtet, sondern ihn einmal vollständig umrundet, bekommt ein ganz anderes Bild – ein Panorama aus wechselnden Landschaften, kleinen Winzerdörfern und dem unverkennbaren Licht des Burgenlandes, das selbst im Hochsommer etwas Weitläufiges, fast Melancholisches hat. Die Radtour um den Neusiedler See startet in Neusiedl am See, dem nördlichen Hauptort, und führt entlang des gut ausgeschilderten Radrundwegs zunächst in Richtung Weiden am See und Podersdorf am See – dem einzigen Ort, der direkt am offenen Wasser liegt und damit einen der schönsten Badestopps der gesamten Route bietet. Weiter südlich passiert man Illmitz, das Zentrum des Nationalparks Neusiedler See–Seewinkel, wo Vogelbeobachtungstürme und Salzlacken das Bild prägen. Wer hier eine Pause einlegt und mit dem Fernglas über das Schilf schaut, versteht, warum dieser Nationalpark als eines der bedeutendsten Feuchtgebiete Europas gilt. Auf der österreichischen Seite folgt der Weg durch die Weinbaugemeinden Mörbisch am See und Rust, das für seinen Storchenschmuck auf den Kaminen und seinen Ruster Ausbruch bekannt ist. Die ungarische Seite – Fertőd mit dem barocken Schloss Esterházy, Fertőrákos mit dem alten Steinbruch – bringt einen eigenen Charakter in die Tour: breitere Landstraßen, andere Architektur, ein anderes Tempo. Wer die vollständige Runde dreht, legt je nach Route und Umweg zwischen 120 und 130 Kilometer zurück – ein ambitioniertes Tagesprogramm für geübte Radfahrer, das sich aber auch entspannt auf zwei Tage verteilen lässt. Der Weg ist überwiegend flach, was ihn technisch anspruchslos macht. Was die Tour fordert, ist Ausdauer: Lange, gerade Abschnitte durch das Schilfgürtelland bieten kaum Schatten, und bei Ostwind kann die Puszta ihre eigene Form von Widerstand zeigen. Dafür belohnt das Burgenland mit Heurigenstationen, Buschenschanken und kleinen Imbissständen, die entlang der Route immer wieder auftauchen und zur Rast einladen.
Eine Umrundung des Neusiedler Sees ist mehr als eine Fahrradtour – es ist eine Begegnung mit einer Landschaft, die in Österreich ihresgleichen sucht. Schilf, Salzlacken, Störche über Rust, Weingärten bei Mörbisch und das barocke Schloss Esterházy auf der ungarischen Seite: Jeder Streckenabschnitt erzählt eine andere Geschichte rund um diesen einzigartigen Steppensee.
