◆ STADT · MADRID
Knapp fünfzig Kilometer südöstlich von Madrid endet die Hochebene an einem Ort, der wie ein Theaterrund gebaut ist: Chinchón, ein kastilisches Städtchen mit kaum sechstausend Seelen, gruppiert um eine der ungewöhnlichsten Plätze Spaniens. Die Plaza Mayor ist nicht symmetrisch, nicht streng, nicht repräsentativ wie anderswo, sondern unregelmäßig gewachsen, mit 234 grün gestrichenen Holzbalkonen, geschwungenen Arkaden auf hölzernen Pfeilern und gestaffelten Ziegeldächern. Von hier zog seit jeher der Duft von Anis und am Spieß gebratenem Spanferkel durch die Gassen. Wer aus der Hauptstadt kommt, kommt meist zum Essen, zum Trinken, zum Schauen, und bleibt länger als geplant.
Chinchón liegt auf gut 750 Metern Höhe in einer Senke, ringsum Weinberge und Olivenhaine, dazwischen die rötliche Erde der Tajuña-Region. Der Ort wuchs ab dem Mittelalter und fiel 1139 unter Alfons VII. an Kastilien; die ersten Häuser mit Arkaden und Balkonen am späteren Hauptplatz entstanden im 15. Jahrhundert, geschlossen wurde der Ring erst im 17. Auf dieser Plaza Mayor wurde alles abgehalten, was eine kastilische Gemeinde je brauchte: königliche Feste, Verkündigungen, geistliche Spiele, Hinrichtungen und seit 1502 Stierkämpfe. Die grünen Holzgalerien, die claros, dienten dabei als Logen. 1974 wurde das historische Zentrum unter Schutz gestellt.
Über den Dächern stehen drei Wahrzeichen, die die Geschichte des Ortes erzählen. Die Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción, nach fast hundertjähriger Bauzeit 1626 vollendet, vereint Gotik, Renaissance und Barock und birgt im Hochaltar ein Gemälde der Mariä Himmelfahrt, das Francisco de Goya um 1812 für seinen Bruder Camilo schuf. Vom Castillo de los Condes, der Burg der Grafen aus dem 16. Jahrhundert, blieben nach den Comuneros-Aufständen und der Plünderung durch napoleonische Truppen nur Mauern; sie ist in Privatbesitz und nicht zugänglich. Und dann ist da die Torre del Reloj, der Uhrturm einer längst verschwundenen Kirche, weshalb man im Ort sagt, Chinchón habe einen Turm ohne Kirche und eine Kirche ohne Turm.
Der Name reichte weiter als der Ort: Eine Gräfin von Chinchón soll im 17. Jahrhundert in Peru das Chinarinden-Extrakt gegen Malaria genutzt haben, weshalb der Baum botanisch Cinchona heißt und das Chinin seinen Beinamen trägt. Auch das Kino fand hierher. Orson Welles drehte 1965 Falstaff (Chimes at Midnight) in Chinchón, mietete sich ein Haus, blieb wochenlang und saß abends mit den Nachbarn beim Glas. Das ehemalige Augustinerkloster San Agustín, Ende des 15. Jahrhunderts gegründet, beherbergt heute den Parador, ein Hotel hinter dicken Klostermauern mit stillem Innenhof, nur ein paar Schritte vom Trubel der Plaza entfernt.
01 · Auf einen Blick
· Sehenswürdigkeiten
· Aktivitäten
· Entdecken & Buchen
02 · Was tun
Genuss
Der klassische Grund für die Reise: ein langes Mittagessen rund um den Hauptplatz. In den mesones dreht sich alles um den Holzofen – cochinillo asado (knuspriges Spanferkel) und cordero lechal (Milchlamm), dazu kräftiger Landwein und zum Abschluss der hauseigene Anís. Adressen mit Geschichte: das Café de la Iberia (seit 1986) mit Blick auf die Plaza, das Mesón Cuevas del Vino in einem 300 Jahre alten Gehöft, die Casa del Pregonero und das Mesón de la Virreina.
Geschichte
Ein Rundgang durch das geschützte Altstadtzentrum: hinauf zur Iglesia de la Asunción mit Goyas Mariä Himmelfahrt am Hochaltar, weiter zur Torre del Reloj mit Blick über die Ziegeldächer, vorbei an den Mauern des Castillo de los Condes (von außen) und zurück zur Plaza, deren claros einst Logen für Stierkämpfe und Theater waren.
Land & Wein
Rund um den Ort liegen Reben und Olivenhaine. Eine geführte Verkostung in einer Familienbodega wie der Bodega del Nero erklärt die Weine der Tajuña, und das Wahrzeichen unter den Spirituosen ist der Anís de Chinchón, seit dem 17. Jahrhundert gebrannt – süß, trocken oder als seco especial mit bis zu 74 Prozent.
03 · Wann
Chinchón hat das kontinentale Klima der kastilischen Hochebene: heiße, trockene Sommer und kalte Winter. Für ein entspanntes Mittagessen auf der Plaza und einen Spaziergang durch die Gassen sind Frühling und Frühherbst am angenehmsten. Wer ein großes Fest erleben will, plant um die Osterwoche oder den August herum.
04 · Häufige Fragen
Am einfachsten mit dem Bus der Linie 337 ab dem Busbahnhof Conde de Casal in Madrid; die Fahrt dauert etwa eine Stunde und zehn Minuten. Mit dem Auto erreicht man Chinchón über die A-3 in rund 45 Minuten. Eine direkte Bahnverbindung gibt es nicht.
Die meisten Gäste kommen als Tagesausflug aus Madrid, vor allem zum Mittagessen. Wer den Ort am Abend und früh am Morgen ohne Tagestouristen erleben möchte, übernachtet im Parador, dem ehemaligen Augustinerkloster, oder in einem der kleinen Häuser im Zentrum.
Für ihre unregelmäßige, fast kreisrunde Form mit Arkaden und 234 grünen Holzbalkonen, den claros. Auf dem Platz fanden über Jahrhunderte Feste, Theater und seit 1502 Stierkämpfe statt; das historische Zentrum steht seit 1974 unter Schutz.
Die kastilischen Klassiker aus dem Holzofen: cochinillo asado (Spanferkel) und cordero lechal (Milchlamm), dazu Landwein. Als Aperitif oder Digestif gehört der Anís de Chinchón dazu, der hier seit dem 17. Jahrhundert gebrannt wird.
Das Castillo de los Condes ist in Privatbesitz und nicht zu besichtigen, man sieht es nur von außen. Die Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción mit Goyas Gemälde der Mariä Himmelfahrt ist dagegen zugänglich; ebenso lohnt der Blick von der Torre del Reloj über die Stadt.
Frühling (April bis Juni) und Frühherbst (September bis Oktober) bieten das angenehmste Wetter. Wer ein Fest erleben will, kommt zur Karwoche für die Pasión de Chinchón oder Mitte August zu den Fiestas Patronales.
05 · In der Nähe
Sagen Sie uns, worauf Sie Lust haben — wir planen Ihre Tage in Chinchon.
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