Étretat ist der Ort, an dem die Erde aufhört, vornehm zu sein, und einfach grandios wird. Über einem schmalen Kieselstrand spannen sich gleich zwei gewaltige Felsentore aus weißer Kreide: im Süden die Porte d'Aval, durch deren Bogen das Meer hindurchschlägt, und davor, frei im Wasser stehend, die 70 Meter hohe Nadel L'Aiguille; im Norden die kleinere Porte d'Amont. Es ist die Landschaft, in die Maupassant einen Elefanten hineinsah, der seinen Rüssel ins Wasser taucht – und es ist die Landschaft, die Claude Monet in einer ganzen Serie festhielt, vom Sturm gepeitscht und im sanften Abendlicht.
Dahinter duckt sich ein winziger Badeort aus normannischem Fachwerk. Im Zentrum steht die überdachte Markthalle Les Halles, deren dunkles Holz heute Boutiquen und Stände mit Cidre, Calvados und Caramels d'Étretat beherbergt. In den Restaurants rundherum riecht es nach Moules marinière und gegrilltem Fisch, und auf den Terrassen wird der lokale Apfelwein serviert. Étretat war im 19. Jahrhundert ein mondäner Badeort, an den die Pariser Gesellschaft strömte – Maupassant verbrachte hier seine Kindheit, der Komponist Offenbach besaß eine Villa, und der Schriftsteller Maurice Leblanc siedelte seinen Gentleman-Dieb Arsène Lupin in diesen Klippen an.
Das eigentliche Erlebnis aber liegt oben. Vom Strand führen steile Wege auf beide Klippenseiten. Im Süden steht über der Porte d'Aval die kleine Kapelle Notre-Dame-de-la-Garde, von wo der Blick die ganze gezackte Küste entlangläuft; im Norden lädt der bunte Klippengarten Les Jardins d'Étretat zu einem ungewöhnlichen Zwischenstopp ein. Wer früh kommt oder bleibt, bis die Tagesgäste fort sind, erlebt das Étretat der Maler: weiches Licht, leere Pfade durch die Schafweiden auf dem Hochland und das ewige Spiel der Gezeiten, das den Bogen mal über Sand, mal über tosendem Wasser zeigt.