Wer Tomar betritt, betritt das letzte große Erbe der Tempelritter in Europa. Hoch über der Stadt, umgeben von Mauern und Mauresca-Wäldchen, liegt das Convento de Cristo, eine UNESCO-Welterbestätte aus Burg, Kloster und Renaissance-Höfen. Sein Herzstück ist die Charola, eine achteckige Rundkirche nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem, in der die Ritter der Überlieferung nach zu Pferd der Messe beiwohnten. Wenige Bauten verdichten die portugiesische Geschichte so sehr: Als der Templerorden 1312 aufgelöst wurde, ging sein Besitz in Portugal an den neu gegründeten Christusorden über – und unter dessen Schirmherrschaft finanzierte Heinrich der Seefahrer die Karavellen, die Portugal zur Entdeckermacht machten. Das berühmte Janela do Capítulo, das manuelinische Kapitelfenster, gehört zu den verspieltesten Steinmetzarbeiten des Landes, ein Gewirr aus Tauwerk, Korallen und dem Kreuz des Christusordens. Zu Füßen des Konventhügels breitet sich eine der wenigen vollständig erhaltenen Schachbrett-Altstädte Portugals aus, im 12. Jahrhundert planmäßig angelegt. Die Rua Serpa Pinto führt schnurgerade von der Kirche São João Baptista mit ihrem manuelinischen Portal zum Praça da República. Hier flanieren Einheimische am Abend, während der Rio Nabão die Stadt durchschneidet. Auf einer grünen Flussinsel, dem Mouchão, dreht sich ein altes hölzernes Wasserrad – ein Bild, das Tomar seit Jahrhunderten begleitet. Alle vier Jahre verwandelt die Festa dos Tabuleiros die Gassen in ein Meer aus Farbe: Hunderte junge Frauen tragen turmhohe Gebinde aus Brot und Papierblumen auf dem Kopf, fast so hoch wie sie selbst, balanciert über die ganze Prozessionsstrecke. Dieses Fest zählt zum immateriellen Kulturerbe und hat in Portugal nicht seinesgleichen. Wer es nicht zur Festa schafft, findet trotzdem eine Stadt, in der mittelalterliche Stille, klares Flusswasser und Cafés mit Blick auf die Altstadt eine seltene Ruhe schaffen – ein Kontrast zu den überlaufenen Küstenorten.



