Wer zum ersten Mal die Kurve auf der Bundesstraße nimmt und plötzlich den Wolfgangsee vor sich aufblitzen sieht, versteht sofort, warum dieses Dorf seit Jahrhunderten Menschen anzieht. Sankt Wolfgang liegt am Nordufer des Sees, eingebettet zwischen dem Schafberg im Rücken und dem Wasser vor der Nase – eine Lage, die keine Hochglanzbroschüre schöner erfinden könnte. Doch der Ort ist mehr als Kulisse. Er hat Substanz, Geschichte und eine eigene Stimmung, die sich je nach Tageszeit und Saison wandelt. Der Kern des Ortes dreht sich um die Wallfahrtskirche Sankt Wolfgang, die seit dem 14. Jahrhundert Pilger aus ganz Europa anzieht. Wer durch das Kirchenportal tritt, steht vor dem Pacher-Altar – einem gotischen Flügelaltar, den Michael Pacher zwischen 1471 und 1481 schuf und der zu den bedeutendsten Kunstwerken des deutschsprachigen Raums zählt. Die Schnitzfiguren leuchten in einem Gold, das nach über fünfhundert Jahren nichts von seiner Intensität verloren hat. Daneben steht der barocke Schwanthaler-Altar, weniger bekannt, aber kaum weniger beeindruckend. Vom Kirchplatz aus schlängelt sich die Hauptgasse am Seeufer entlang – hier liegt das Hotel Weißes Rössl, das durch die gleichnamige Operette von Ralph Benatzky weltberühmt wurde und bis heute Gäste empfängt, die das Flair dieser Epoche suchen. Wer früh morgens am Steg steht, bevor die ersten Ausflugsschiffe anlegen, erlebt den See in einer Stille, die kaum zu glauben ist. Das Wasser liegt dann grünblau und spiegelglatt, der Schafberg spiegelt sich darin, und aus der Bäckerei weiter oben zieht der Geruch von frischem Gebäck die Gasse entlang. Für Aktivsuchende ist der Schafberg das eigentliche Ziel. Die Zahnradbahn, die seit 1893 auf den 1783 Meter hohen Gipfel fährt, ist eine Dampflokomotivenfahrt mit Panoramaeffekt – oben öffnet sich der Blick auf bis zu fünf Salzkammergut-Seen gleichzeitig. Wer lieber zu Fuß geht, findet auf dem Weg zahlreiche Rastpunkte mit Blick auf den Wolfgangsee. Am Wasser selbst lohnen sich Bootsfahrten, Schwimmen an den Badestellen östlich des Ortszentrums oder eine Überfahrt mit der Fähre nach St. Gilgen auf der anderen Seeseite. Sankt Wolfgang ist kein Ort für Anonymität. Die Gassen sind eng, die Nachbarschaft spürbar, und im Sommer schieben sich Besucher aus aller Welt zwischen Kirchenportal und Seeufer. Wer dem Trubel entkommen will, geht einfach ein Stück den Pilgerweg hinauf oder sucht sich einen der kleineren Gasthöfe abseits der Hauptgasse – dort ist das Salzkammergut noch so, wie es immer war.



