Die Insulaner nennen Gran Canaria gern einen Miniaturkontinent, und der Beiname trägt: Auf einer Scheibe von kaum fünfzig Kilometern Durchmesser reihen sich Klimazonen aneinander, für die man anderswo Flugstunden bräuchte. Im Süden rutschen die Dünen von Maspalomas wie ein versprengtes Stück Sahara bis ans Wasser, gefurcht vom Passat, der den Sand bei jedem Wetterwechsel neu modelliert. Eine Wanderung hindurch fühlt sich an wie ein Spaziergang durch eine kleine Wüste, am Ende wartet der Atlantik. Fährt man von der Küste landeinwärts, klettert die Straße in Serpentinen ins erstarrte Herz eines erloschenen Vulkans. Hier ragt der Roque Nublo auf, ein Monolith aus Basalt, der den Guanchen heilig war und an klaren Morgen über einem Wolkenmeer schwebt, aus dem in der Ferne der Teide von Teneriffa auftaucht. Die Pinienwälder ringsum duften nach Harz, und in Dörfern wie Tejeda kühlt die Höhenluft, während unten an der Playa del Inglés die Sonnenanbeter liegen. Die Hauptstadt Las Palmas führt vor, dass Gran Canaria mehr ist als Strandresort. In der Altstadt Vegueta, wo Kolumbus vor seiner Atlantiküberquerung Station machte, säumen Kolonialbalkone aus dunklem Holz das Kopfsteinpflaster, und die Kathedrale Santa Ana wirft ihren Schatten über stille Patios. Die Casa de Colón erzählt von den frühen Seefahrten, das benachbarte Triana lockt mit Jugendstilfassaden und Cafés. Auf dem Teller landet das andere Gesicht der Insel: der scharfe rote und der milde grüne Mojo zu papas arrugadas, den salzig gegarten Runzelkartoffeln, dazu frischer Fisch aus den Häfen und kräftiger Ziegenkäse aus dem Bergland. Wer Gran Canaria jenseits der Hotelmeile sucht, findet eine Insel, die zwischen Düne, Gipfel und Großstadt in einem einzigen Tag mehrere Welten öffnet.







