Wer zum ersten Mal den Stephansplatz betritt und den Blick hebt, versteht sofort, warum der Stephansdom seit Jahrhunderten das Gravitationszentrum Wiens ist. Das Südturm-Dach aus rund 230.000 glasierten Ziegeln, die in einem geometrischen Muster das Wappen Österreichs und den Wiener Adler bilden, schimmert je nach Tageszeit und Lichteinfall anders – morgens kühles Grau, mittags ein warmes Ockergold. Kein Foto bereitet einen wirklich vor auf diesen Moment.
Der Dom ist kein Museum, sondern eine lebendige Kathedrale. Täglich finden Messen statt, Orgeln erklingen, und Pilger, Touristen und Wiener Stammgäste teilen sich das Kirchenschiff. Wer eintritt, braucht einen Moment, um sich zu orientieren: Das Hauptschiff ist 107 Meter lang, der Südturm ragt 136 Meter in den Himmel. An der Kanzel aus dem späten 15. Jahrhundert, dem Werk des Bildhauers Anton Pilgram, lässt sich stundenlang die Detailarbeit studieren – Pilgram hat sich selbst als Steinmetz aus einem Fensterchen blickend verewigt, eine der charmantesten Signaturen der Kunstgeschichte.
Für das volle Erlebnis empfiehlt sich der Aufstieg auf den Südturm: 343 Stufen führen hinauf auf eine Aussichtsplattform, von der aus die Wiener Innenstadt, die Ringstraße und bei klarem Wetter sogar der Wienerwald zu sehen sind. Wer weniger trittsicher ist, kann alternativ den Nordturm per Aufzug erreichen. Unterhalb des Doms öffnen sich die Katakomben – ein weitgehend unbekannter Teil des Komplexes, in dem die Gebeine von über 10.000 Wienern sowie die Herzurnen der Habsburger aufbewahrt werden. Geführte Touren führen durch diesen stillen, kühlen Untergrund, der eine ganz andere Dimension des Doms erschließt.
Der Stephansdom ist zu jeder Jahreszeit anders. Im Advent verwandelt sich der Stephansplatz in einen der stimmungsvollsten Weihnachtsmärkte der Stadt, während im Sommer die Abendbeleuchtung des Doms für unvergessliche Stimmungen sorgt. Frühmorgens, kurz nach der Öffnung, ist die Kathedrale noch ruhig – ein seltenes Erlebnis in einer der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Europas.